26. Dez 190826. Dezember 1908
Dieser Eintrag enthält mehrere Abbildungen:

26. December 08. Sonnabend. / Spät aufgestanden. Wollte / dann arbeiten eventuell / Selbstportrait. Es war auch / schon alles im Gange als ein / Depeche von Missis Roller / kam, die sich und ihre Tochter / für Sonntag anmeldete. / Minkchen und ich beratschlagten / dann was zu thuen sei°n°, / im warmen Atelier vor dem / zum Selbstportraimalen / aufgestellten Spiegel auf dem Sofa / Wobei mir die Idee zu°m° / einem großen Doppelselbst- / portrait kam. / Ich fuhr dann nach dem / Essen in die Stadt um Missis / für morgen abzusagen und / für Sylvester einzuladen. / Traf sie nicht zu Hause / und schrieb ihr bei ihr einen / Brief der das notwendigste / enthalten sollte. Wärendem / kam sie und ihre Tochter. / Es war sehr nett. / Es ist so erstaunlich wenn / man Menschen findet, / die wirklich einmal °wirklich° / ähnlich empfinden wie man / selbst. / Dann war ich noch einen / Augenblick im Kafé Mandel / traf dann auf der Bahn / noch Molls die in die Stadt / wollten und kam um / 8 Uhr nach Haus, wo das / liebe Mink schon das / Abendbrot servirt hatte und / alles sehr beruhigend und / harmonisch auf meine auf- / gestachelten Nerven wirkte. / Nach dem Abendbrot lasen / wir jeder in seinem Exemplar / von des Knaben Wunderhorn, / das wir uns ohne zu wissen / gegenseitig zu Weihnachten / geschenkt haben. / Ich habe vorläufig noch / kein so großes Verhältnis / dazu, bis auf einige / Sachen die stark auf / mich wirkten bin ich / noch nicht recht hinter den / Reiz dieses Volkstons / gekommen. / Bin dazu wohl zu sehr Maler / und zu wenig Litterat.

Missis Roller: Henrietta „Nettie“ Roller war wie Minna Beckmann-Tube Sängerin.
Ihre Tochter Marian war zu diesem Zeitpunkt etwa 15 Jahre alt.
Spiegel ... Idee zu einem großen Doppelportrait: „Doppelbildnis Max Beckmann und Minna Beckmann-Tube“, MB-G 109.
schrieb ihr ... einen Brief: Brief an Henrietta Roller nicht ermittelt. Da die Adressatin während des Schreibens heimkehrte, wurde der angefangene Brief vermutl. vernichtet.
Kafé Mandel: Café Mandl in Charlottenburg.
Molls: Marg und Oskar Moll.
Knaben Wunderhorn: Lektüre von Achim von Arnims und Clemens Brentanos „Des Knaben Wunderhorn“. In Max Beckmanns Bibliothek ist kein Exemplar des Buches erhalten. Minna Beckmann-Tube und Max Beckmann hatten sich jeweils gegenseitig eine Ausgabe des Buches zu Weihnachten geschenkt.

  • MB-G 109

Technische Angaben: unliniert, gebunden in helles Leinen
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1908, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://www.beckmann-tagebuecher.de/1908/4168