30. Dez 190830. Dezember 1908
Dieser Eintrag enthält mehrere Abbildungen:

30. Dezember 08x / Morgens bei Grethe wegen / der Hypothek, auf dem Weg / zu Tubes bei Röslers wegen / Nachmittagsbesuch bei Tuch. / Mittag bei Buschchen / Martin Anne-Marie und / Tante Marichen Rösler / holte mich ab wir fanden / leider Tuch nicht zu Haus / nur seine Frau sein Kind / und ein angefangenes / Bild von ihm was mir in / der Dunkelheit etwas Gauginsch / und Hodlersch °f° vorkam. / Was aber nichts sagen soll / das es zu dunkel war um / etwas genaueres darüber zu / urteilen. Dann mit / Rösler Kaffé, wo sich / leider telephonisch heraus- / stellte, daß keine Neujahrs- / züge gingen also Rösler / schon um 12 Uhr vom / hiesigen Bahnhof weg / mußten. Worauf dann / auch diese letzte Verabredung / für Sylvester in‘s Wasser / fiel. Dann gingen wir / zu Schockens. Er war / leider auch nicht zu Haus / so daß wir uns erst / einige Zeitlang mit / Frau Sch. unterhielten. / Sie war also die erste von / der Familie die die betrübliche / ~Nachricht von den~ 15000 M für die Austellungs- / halle erhielt. Dann erzählte / sie daß sie Dienstag / abend bei der Dora Hitz / waren. Es war sehr komisch / für mich zu hören daß / meine geliebte Freundin / ziemlich energisch (vieleicht / nur aus einem Instinkt / heraus) gegen meine / Revolutionsideen Propaganda / gemacht hatte manchmal / sogar mit einigen nicht / gerade schmeichelhaften / Ausdrücken über meine Jugend / Selbstüberschätzung ect. ect. / während sie mir persönlich [re. Rand, 90 Grad gedreht:] X / nicht unverständliche Ausdrücke / über meine Gottähnliche / Künstlerschaft machte. / Natürlich auch Schockens / gegenüber immer noch Ausdrücke / der Annerkennung und des / regsten Interesses. / Minkchen meinte °meiner s° nicht / unrichtig, daß sie wohl / auch etwas Eifersucht auf / den ihren Einfluß ect. zu / sehr entzogenen Schocken / zu diesen nicht ganz mit / ihrer Ansicht sich vertragenden / Ideen, gebracht hätte. / Es ist so schade, daß / man so wenigen Menschen / ganz vertrauen kann. / Am meisten außer meiner / Frau scheint mir momentan / Rösler vertrauens wert zu / seieen. Wir wollen sehen / wie lange. – / Rößler mußte dann / gehen ich besorgte inzwischen / einen Rahmen °un° telephonirte / an das halbeingefrorne / Minkchen in Hermsdorf / und aß bei Schockens / zu Abend. Disput / mit Schocken über die / Struktur der Malerei als / allerschärfstes Mittel für / die Kritik °der Malerei°, / etwas was er gern unter die / absolute Impression stellen / wollte, ich in gewisser / Beziehung darüber. / Die Struktur das ist die / Handschrift des Bildes, / wie der Strich hingesetzt / ist oder wie die andern darüber / gesetzt sind enthält für / mich die allergenauste / Definition des °Künst° / ehrlichen °oder° nicht ganz / ehrlichen oder überhaupt / unwahren Künstlers. / Ehrlich ist in diesem Sinne / mit Kraft und Können / mit der absolut sinnlichsten / Empfindung in der Malerei zu / identificiren. / Kam dann um ½ 11 / nach haus. Wo alles ziemlich / durchgefroren war. Wir / hatten 16 Grad Kälte. / Das arme Minkchen hatte / einen sehr ~von Peter~ verschrienen Tag / gehabt und brauchte ich / erst einige Mühe sie / wieder aufzutauen und / einzustimmen. Dann war / es aber auch sehr nett. –

Grethe ... Hypothek: Max Beckmann suchte seine Schwester Margarethe Zech auf, um von ihr eine Bürgschaft für die Hypothek des Hauses in Hermsdorf zu erbitten, vgl. Eintrag vom 07.01.1909.
Tuch: Kurt Tuch.
Buschchen: Minnas Mutter, Minna Ida Concordia Tube. Anwesend waren auch Minnas Geschwister Annemarie und Martin Tube.
Tante Marichen: Nicht ermittelt, vermutl. eine Verwandte von Minna Beckmann-Tube, vgl. Eintrag vom 06.01.1909.
Frau und Kind: Petronella Tuch mit dem 1908 geborenen Sohn Erich.
angefangenes Bild von ihm: Nicht ermitteltes Werk von Kurt Tuch, der Max Beckmann etwa zu jener Zeit sein Gemälde „Stadtrand“ von 1904 schenkte. Das Werk in Tuchs Atelier erinnerte Beckmann an Arbeiten von Paul Gauguin und Ferdinand Hodler.
Schockens: Sophie Meyer-Schocken und Wilhelm Schocken.
15000 für die Austellunghalle: Monatlicher Mietpreis für die als Ausstellungsort für die neu zu gründende Secession in Betracht gezogenen Ausstellungshallen am Zoologischen Garten. Da diese Miete zu teuer war, wurde die Idee verworfen.
Dora Hitz: Sophie Meyer-Schocken berichtete von Dora Hitz‘ ablehnender Haltung gegen die „Revolutionsideen“, also die geplante Abspaltung von der Berliner Secession und Neugründung einer eigenen Künstlervereinigung und äußerte sich darüber hinaus negativ über Beckmann.
Minkchen: Minna Beckmann-Tube.
Rößler: Waldemar Rösler.
ich besorgte ... einen Rahmen: Es ist nicht ermittelt, für welches seiner Werke und wo Beckmann einen Zierrahmen besorgte.

Technische Angaben: unliniert, gebunden in helles Leinen
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1908, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://www.beckmann-tagebuecher.de/1908/4169