31. Dez 190831. Dezember 1908
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<31. Dez. 08 Donnerstag.> / Den ganzen Morgen mit Heizen / beschäftigt, da der Ofen sich / gerade in diesem geeigneten / 18 Grad kältigem Augenblick / zum Wohlverdienten Ruhe- / stand setzten wollte. Gegen / 4 Uhr Nachmittags erreichte / ich endlich meine Absicht / daß er bullerte. Dann gingen / wir in’s Dorf um Punsch / ect. für heute Abend ein- / zukaufen unterwegs machte / Minkchen auf mein Drängen / Landauers zu uns zum / Abend zu bitten den Vorschlag / sie lieber zu°m° ~einer~ Schlitten- / partie einzuladen. Es / wurde dann auch gemacht. / Landauer empfing uns in / einem furchtbar gemütlichen / grünseidenen und wohlge- / fütterten Schlafrock auch / °d° seine °furchtbar° sehr netten / kleinen Mädels Gudula / und Brigitte, die vor allem / von der Partie seieen wollten. / Sie waren erfreut und gern / bereit – Auch lernten wir / den Bruder von Frau Landauer / kennen einen sehr nett / aussehenden <sehr> stillen / Musiker (Sänger): Merkwürdiger / Mensch als ich nachdem wir / von der Partie zurück waren / noch etwas mit bei Landauers / war und wir uns unterhielten / sagte er gar nichts nur / gab er immer (ich konnte ihn / nicht sehen wenn ich mit / Landauer sprach) merkwürdig / leise zischende Töne von / sich, die wie das Mundgeräusch / eines Taubstummen oder / Irren klangen. Mir war / das peinlich. Landauers bemerkten / es nicht, °(° wenigstens nicht / officiell und wenn ich dann / nach ihm hinsehen konnte, / machte er ein so gleichgültig / halb abwesend halb interessirtes / Gesicht, daß ich nicht wußte / woran ich war. – / Unser Partie war hauptsächlich / kalt über Weidmannslust / Tegel nach unserem Haus / wo wir Mink absetzen / nach Landauers zurück. / Schöne Schneestimmungen / mit viel Zigarettenrauchen / und Krachmandelessen. / Bei Landauers sehr ernst- / haft über Lyrik und / Drama genölt auch / erkleckliges über meine Kunst. / Zu Haus war es dann / angenehm warm Minkchen / vergnügt und bereits / wieder ausgewärmt. / Bei Tisch versuchten wir / den mitgebrachten Punsch / gingen aber (wenigstens ich ) / sehr schnell zum Bier / über. Ich las dann noch / in den Zeitungen weiteres / über das schreckliche Unglück / in Messina, wobei mir / bei der Beschreibung eines / Artzes und zwar bei der / Stelle wo halbnakte / losgelassene Sträflinge / in dem furchtbaren Getümel / über andere Menschen und / ihr Eigentum her°v°fallen / die Idee zu einem neuen / Bilde. Machte dann / während Minkchen den Jungen / besorgte den Entwurf dazu. / Bin neugirig was daraus / wird. Vorläufig interessirt / mich die Sache sehr. – / Nun ist es ½ 12 Uhr. In / einer ½ Stunde ist das / Jahr zu Ende. Wir kon- / statirten vorhin, daß uns / das Jahr 1908 viel innerlich / Gutes und das Bübchen / gebracht hat. Äußerlich / dagegen weniger. / Mißverstehen und unötige / Feindschaft. Hingegen / wieder 2 wertvolle Freunde / Schockens und Rößlers. / Die Dora Hitz mit Ein- / schränkung. / Wenn nur alle Jahre / so sind daß sie uns / so viel glückliger und / °in° mich in meiner / Malerei so viel reicher / machen wie dieses dann / wollen wir mit dem / Dasein ganz zufrieden / seieen. <Prost Neujahr!>

ins Dorf: Hermsdorf.
Minkchen: Minna Beckmann-Tube.
Landauers: Hedwig Lachmann und Gustav Landauer mit ihren Töchtern Gudula und Brigitte.
Bruder von Frau Landauer ... Musiker (Sänger): Der Bruder von Hedwig Landauer, geb. Lachmann, war Konzertdirektor Julius Lachmann. Über ihn vgl. https://www.stolpersteine-berlin.de/de/biografie/6711. In dieser Biographie ist von Lachmanns labilem Gesundheitszustand die Rede, der dafür verantwortlich gewesen sei, dass er nervlich den Anforderungen eines Berufes wie den des Kapellmeisters nicht gewachsen gewesen sei. Die Schilderung Max Beckmanns könnte ein Hinweis auf eine Art neurologisch begründeten Tics bei Lachmann sein.
Zeitungen ... Messina: Der Bericht über das Erdbeben in Messina stammt von dem italienischen Arzt Dr. Rossi, erschienen war er in der Nr. 663 des Berliner Lokal-Anzeigers. Vgl. Max Beckmann. Leben in Berlin. Tagebuch 1908–1909. Kommentiert und herausgegeben von Hans Kinkel. München/Zürich 1984, S. 54.
Idee zu einem neuen Bilde ... Entwurf dazu: „Kompositionsskizze zum Gemälde ‚Szene aus dem Untergang von Messina‘“, 1909, Tinte, Privatbesitz, MB-Z 000. Vgl. Lynette Roth: Max Beckmann at the Saint Louis Art Museum. The Paintings. London/München/New York 2015, S. 44ff.
Minkchen den Jungen: Minna Beckmann-Tube versorgte den Sohn Peter.
Schockens: Sophie Meyer-Schocken und Wilhelm Schocken.
Rößlers: Oda und Waldemar Rösler.
Bübchen: Peter Beckmann war am 31.08.1908 geboren worden.

  • MB-G 106

Technische Angaben: unliniert, gebunden in helles Leinen
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1908, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://pinakothek-beckmann-tagebuecher.de/1908/4170