27. Dez 190827. Dezember 1908
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27 Dez. Sonntag / °Schocken° ~Vormittags~ Röslers von der / Bahn geholt kamen 3 Züge / zu spät, so daß ich inzwischen / 1 Glas Bier trinken und / mich rasiren lassen konnte. / Sahen dann Häuser in der / neuen Kolonie an °vor° von / den Röslers sehr begeistert / waren und vieleicht kaufen / werden. Trafen auf dem Rückweg / zum Mittagessen °bei° Schockens / die von Tegel zu Fuß auch / wegen Haus kaufs herübergekommen / waren. Leider konnte ich sie / nicht wegen Platz und Eß- / mangel zu Tisch einladen doch / versprachen sie Nachmittags- / zu kommen. / Zu Hause waren schon Buschchen / Anne-Marie, Martin und Tutti / Jakstein. Vor dem Essen war / noch große Bilderbesichtigung / Schocken ~(die dann nach d. Essen kamen)~ fand die Auferstehung / besonders schön Frau Röhsler / hingegen nicht, aber die Sint- / fluth. Tutti war für / Auferstehung. / Sehr netter und belebter / Tag. Schocken spielte / Klavier Beethoven. Minkchen / sang sehr schön. Dann mußten / Frau Röhsler und ihr zu / Liebe Tutti Jakstein und / bald darauf auch Tubes / gehen so daß, da Minkchen / und Frau Schocken beim / Peter waren wir drei / Maler Zeit hatten zu einem / gründlichen Disput. / Ich betonte im Verhältnis / zu Hans von Marèes der / momentan so sehr auf / das Schild gehoben wird / eine starke Individuali- / sirung der Figuren und / stellte aus dem Grunde / Böklin als künstlerisches / Prinzip höher da er / naiver und kravtvoller / seine Figuren lebensfähig / zu bilden verstünde während / die Figuren bei Marés / mir zusehr abischtliche / Träger von Linien und / Licht und Schatten darstellten, / also zu abstrakt wären mir / wohl ein gewisses ästehtisches / wohl gefallen aber kein / so unmittelbares indivi- / dualisirtes Lebensgefühl / abnötigten wie manche / Intentionen von Böklin. / Von Rubens und Rembrand / natürlich garnicht zu sprechen. / Verglich Marés mit Stefan / Georg. Beide nicht vulgär / genug. Schocken und Rösler / waren in gewisser Hinsicht / meiner Meinung nur / wollte Schocken noch einiges / einwenden. Ich gebe selbst- / verständlich die Berechtigung / dieser das heißt der Maréschen / Kunstgattung zu doch scheint / sie mir eben ein speziell / zu artistischen Kunstwelt / anzugehören, die sich augen- / blicklich mit meiner / ganz °auf° auch mit / das gegenständlich in- / dividualisirte Leben / gerichten malerischen Lebens- / empfindung nicht verträgt. / – Dann wurde unter / noch weiterer Ausbreitung / über dieses Thema Abendbrot / gegessen wo ich dann endlich / °wi° meine Idee mit / der neuen Secession aus- / pakte. Schocken und / Rösler sehr reizend in / der Angelegenheit. Sofort / bereit mitzu machen besonders / von Rösler sehr nett, da / er doch eben seinen ersten / Erfolg in der Secession / hatte. Ertes Entwürfe / zur Sache. Sehr in / Erwägung gezogen / ob dieses Jahr schon. / Ich schlug die Austellungs- / halle am Zoologischen / Garten vor. / Auch Minkchen für den / Plan ~(der neuen Secession)~ was mich besonders / freute.“ / Alle waren wir einig in / dem Gefühl des Widerwillens / und der Unmöglichkeit / für die Entwicklung unser / deutschen Kunst bei dieser / gänzlichen °V° Herrschaft / des kaufmännischen Inter- / esses von Cassirer / °und° bei bei seiner / Indolenz und Blasirtheit. / Morgen Nachmittag soll / bei Schocken weiter / darüber beraten werden. / Vorläufig glaube ich noch / nicht an eine Ausführung / der Idee für dieses Jahr. / Aber lange wird es nicht / mehr dauern.

Röslers: Max Beckmann holte Oda und Waldemar Rösler vom Bahnhof in Hermsdorf ab.
Schockens: Sophie Meyer-Schocken und Wilhelm Schocken.
Buschchen: Minna Ida Concordia Tube.
Anne-Marie: Annemarie Tube.
Martin: Martin Tube.
Bilderbesichtigung Schocken: Sophie Meyer-Schocken und Wilhelm Schocken kamen in Beckmanns Atelier und sprachen mit ihm und den anderen über dessen neuere Werke. Diskutiert wurde v. a. über Beckmanns Gemälde „Sintflut“, MB-G 97 und „Auferstehung“, MB-G 104.
Tutti Jakstein: Gertrud „Tutti“ Jakstein zog die „Auferstehung“, MB-G 104, der „Sintflut“, MB-G 97 gegenüber vor.
Minkchen und Frau Schocken beim Peter: Minna Beckmann-Tube und Sophie Meyer-Schocken kümmerten sich um den wenige Monate alten Peter Beckmann.
Frau Röhsler: Oda Rösler.
Marèes ... Böklin ... Stefan Georg: Die drei Maler Schocken, Rösler und Beckmann diskutierten über die Kunst von Hans von Marées, Arnold Böcklin, Rembrandt und Rubens. Beckmann verglich dabei Marées‘ Kunst mit der Lyrik von Stefan George.
Rösler ... Erfolg in der Secession: Waldemar Rösler war auf der Jahresausstellung der Berliner Secession 1908 mit vier Werken vertreten, von denen eine, die „Landschaft im Mai“, im Katalog reproduziert war.
Ertes Entwürfe: Erste Entwürfe.
Ausstellungshalle am Zoologischen Garten: Die Ausstellungshallen am Zoologischen Garten waren 1905 bis 1906 nach einem Entwurf von Carl Gause errichtet worden.
Herrschaft ... Cassirer: Paul Cassirers vorherrschende Stellung innerhalb des Berliner Kunstbetriebes ließ Max Beckmann und andere Künstler:innen nach alternativen Möglichkeiten suchen, ihre Kunst unabhängig auszustellen. Darin gründete Beckmanns Idee einer Abspaltung von der Berliner Secession.

  • MB-G 104
  • MB-G 097

Katalog der fünfzehnten Ausstellung der Berliner Secession. Berlin 1908, Nr. 208–211, S. 41;

Technische Angaben: unliniert, gebunden in helles Leinen
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1908, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://www.beckmann-tagebuecher.de/1908/4171