28. Dezember Montag / Sehr spät ½ 1 aufgestanden / Nach dem Mittag in blenden- / der Kälte mit Minkchen / zum Bahnhof gegangen / Wunderschönes klares Frost / wetter Minkchen drehte noch / vor dem Bahnhof wegen / Peter und Kälte um, sonst / wäre sie mit zur Berathung / gefahren. In der Bahn / amüsirte mich ein kleines / Mädchen, daß trotzdem / sie so warm wie nur / möglich eingepakt in / einem ganz warmen / Coupé fuhr °trotzdem° mit / einer verzweifelten Unart und / unter dem größten Geschrei / in einem fort erklärte: „so / kalt, es ist so kalt“ / und die komische bedauerns- / werte Verlegenheit und Ge- / schäftigkeit ihrer Anverwandten / die das ohrenbetäubende / Geschrei zu dämpfen ver- / suchten. / Bei Schocken empfing mich / mein übliches °S° ironisches / Schiksal. Ich kam / begeistert und °mit° vieler / Pläne°n° und Entwürfe°n° / voll an, sah schon erfreut / das Herr und Frau Rösler / da waren (an ihren Hüten / und Mänteln) °u°trete in’s / Zimmer und mit besonders / liebenswürdigem Lächeln / empfängt mich unter den / anderen auch die sehr nette / liebenswürdige Mutter / von Frau Schocken. / Natürlich war °nun° durfte / nun nicht über das Geheimnis / der Verschörung verlautet / werden. Um meine Nervostität / etwas abzuleiten und auch weil / es nötig war schleppte ich / noch rasch die Gummischuh, / °zu° die Frl. Hitz Minkchen / geborgt hatte zu ihr. / Sie selbst war nicht zu / Haus. Nachdem ich wieder / zu Schockens zurückgekehrt / war machte sich den auch / bald die Gelegenheit / zur Berathung zu der ich / auch Frau Rößler nötigte, / die aus einer furchtbar / liebenswürdigen Mischung / von Stolz und Bescheidenheit / glaubte daß die Beratung / nur von Männern geführt / werden sollte, sie sich also / keinesfalls aufdrängen / wollte. Daß Frau Schocken / dann dabei war ist ja selbst- / verständlich. / Sehr viel Neues ergab das / Gerede nicht. Ich machte / nur mit Freude die Be- / obachtung, daß sich in / diesen °3° 4 netten Menschen / seit der gestrigen ersten / Begeistrung nichts ge- / ändert hatte in ihrer / Stimmung. Besonders an- / genehm empfand ich / Rösler der doch eigentlich / °de° sehr wenig positiven / Grund hat mit der Secession / unzufrieden zu seieen, da / er doch erst in der letzten / Austellung durch die Secession / einen relativ großen / Erfolg hatte und °das° sein / größtes Bild verkaufte. / Er und ich gingen dann / noch nach den Austellungs- / hallen am Zoo, wo / wir den die freudige / Überraschung hatten zu / hören daß der Mietpreis / für einen Monat cirka / 15000 M kostete. / Das zog uns etwas ge- / waltsam wieder auf den / traurigen Boden der / Realität. Die Aussicht / °damit° ein auch nur für / 2 Monate selbständiges / richtiges Austellungslokal / zu haben schand sofort bis / auf ein Minimum zu- / sammen, daß darin / bestand, einen so edlen / Geldmann zu finden. / Im Café wo ich vorübergehend / noch Spiro sprach, / versuchten wir uns dann / gegenseitig wieder Mut / einzuflößen. / Kam dann gegen 9 Uhr / nach Haus, wo mich / Minkchen mit einer netten / Dankdepeche und einen / Brief von Goyer empfing / in der er mich frug wo / und wann die Hypothek / von 4000 M ausgezahlt / würde. Da ich durch Richard / über diese Auszahlung / nicht genug informirt / war hatte ich es gänzlich / vergessen und die Stimmung / der Sorge wo so schnell das / Geld hernehmen e~r~höhte nicht / gerade, die andere wegen / des unmöglich gemachten / Projekt’s mit der neuen / Secession.
Minkchen ... Peter: Minna Beckmann-Tube und Peter Beckman.
Herr und Frau Rösler: Oda und Waldemar Rösler waren bereits bei Schockens.
Mutter von Frau Schocken: Agnes Constance Meyer, geb. Schieren.
Verschörung: Verschwörung, gemeint sind die Pläne zur Gründung einer neuen Secession, vgl. Eintrag vom 27.12.1908.
Nervostität: Nervosität.
Frl. Hitz: Dora Hitz wohnte laut Berliner Stadtadressbuch 1908 am Lützowplatz 12.
Mietpreis: Für die Ausstellungshallen am Zoologischen Garten, vgl. Eintrag vom 27.12.1908.
Frau Rösler ... Frau Schocken ... dabei war: Oda Rösler und Sophie Meyer-Schocken waren in der sonst reinen Männerrunde bei den Gesprächen anwesend.
Rösler ... letzten Ausstellung durch die Secession ... Bild verkaufte: Waldemar Rösler war auf der Jahresausstellung der Berliner Secession 1908 mit vier Werken vertreten, vgl. Eintrag vom 27.12.1908. Welches davon verkauft wurde, ist nicht ermittelt.
Ertes Entwürfe: Erste Entwürfe.
Austellungshallen am Zoo: Max Beckmann und Waldemar Rösler besichtigten die von ihnen als potenzielle Ausstellungsräume in Aussicht genommenen Ausstellungshallen am Zoologischen Garten, vgl. Eintrag vom 27.12.1909. Die Anmietung der riesigen Halle wurde aufgrund der zu hohen Kosten verworfen.
Spiro: Mario Spiro.
Brief von Goyer ... Hypothek ... Richard: Person und Brief nicht ermittelt. Betrifft den Kredit, den Max Beckmann für den Bau des Hauses in Hermsdorf aufnehmen musste. Zu Goyer vgl. Eintrag vom 07.01.1909.