<Donnerstag> d. 7.1.09 / Spät aufgestanden a cause / de Sekt. Dann Nachmittags / zum Salon Cassirer wo / ich mich mit Schocken / traf °u° Bilder von / Mathiss und Berneis / Die Mathissschen Bilder / mißfielen mir höglichst. / Eine unverschämte Frechheit / nach der andern. / Warum machen die Leute / nicht einfach überhaupt / Zigarettenplakate! sagte / ich zu Schocken der ganz / meiner Ansicht war. / Merkwürdig, daß sich diese / doch sonst so intelligenten / Franzosen nicht sagen können, / daß nach der Vereinfachung / der van Goghs und Gaugins / wieder zur Vielfältigkeit / zurückgekehrt werden / muß. Über die beiden / hinaus giebt es keinen / Weg im Gegentheil mit / dem was sie erungen haben / muß man wieder zurückgehen / und von einer älteren Station / einen neuen Weg suchen. / Auch die Bilder von dem / deutschen Juden Berneis waren / leider nur talentvolle Un- / persönlichkeiten. Gewollte / Corinths und geworden etwas / schlechtere Slevotgs. Einige / ganz gute Portraits die Slevogt / kaum besser macht. / Leider kommt B. nur / zu spät. / Dann brachte ich Schocken / noch ein Stück er mußte / zu seinen Eltern. Ging / dann in die freie Austellung / von Balluschek. / Schade der Kerl hat so / famose Einfälle. Es / ist zu dumm daß er / gar keinen malerischen / Styl hat °sonder° er arbeitet / wie ein farbiger Potograph. / Aber wie gesagt. Da war / ein Garten aus einer / Blinden anstalt in dem / die armen meist Mädchen / drin spazieren gingen und / ein Bild aus °aus° dem / Garten eines Berliner Vorstadt / ~Tanz~lokals in einer Mondnacht / Im Hintergrund das hell / erleuchtete Tanzlokal °der° / im ~vom~ fahlen °gr° blaugrün °v° / violetten ~im Mondlicht beleuchteten~ Garten an das °sta° / Staket gelehnt ein Mädchen / das den Kopf hinten über- / geworfen hat man hört ihr / atemloses Keuchen. Ganz / im Vordergrund noch ein häßliches / banales Mädchengesicht mit / dem Taschentuch am Mund / Beide offenbar um 2 aus / der Hitze und Gedränge / °fr° drinnen im °B° Lokal hierdraußen / etwas Luft zu schöpfen. / Im Hintergrund im °V° / alles auflösenden Mondlicht / ein Liebespaar. / Diese atemlose erhitzen / °M° müde getanzten Mädchen / °s° in dem Garten und / im Hintergrund das helle / Lokal sind tief empfunden / Wäre es etwas temperamentvoller / gemalt so wäre das / ganze ein Bild wie / aus van Goghscher Empfindungs- / welt. Schade daß / der Kerl so ein malerischer / Spihießer ist. – / Dann beim Notar wo / Grethe die Hypothek / auf ihren Namen umschreiben / ließ. In meinem bis- / herigen Gläubiger ein / Prachtexemplar des / scheußlichsten, übelsten / Berliner Spießers kennen / gelernt. im übrigen / °s° langweilige Prozedur. / Angeödet zu Schockens / in‘s Kafe Fürstenhof / Sehr deprimirte Stimmung. / Der alberne Besuch / Meier Grecos und der / Kater von ~dem~ gestrigen / Sekt lasteten auf meiner / Seele. Kam in trüber / Stimmung zu Hause an. / Düstere Zukunftsbilder. / Nirgends Verständnis bei / Leuten die Einfluß auf / den Modegang der Malerei / haben und daher wenig / Aussicht auf Verdienst. / Verminderte Vermögens verhältnisse. / °w° Fester Vorsatz sich / um nichts mehr was / sich um Propaganda / neue Secession ect. handelt / zu kümmern. Keinen / Menschen mehr aufzusuchen / von dem man nicht innig / verlangt. Uns nur noch / an Schocken, Röslers und / Gräfin Hagen im Verkehr / halten und die Kunst / möglichst innig weiter- / zu lieben in dem nicht Tod / zu kriegenden Glauben / daß man von ihr wieder / geliebt wird. / Wenn ich eines Tages merken / sollte, daß sie mir / untreu wäre, dann ging es / mir schlecht glaub ich. –
a cause de Sekt: fr à cause de, aufgrund des Sekts. Am Vorabend war Max Beckmann bei der Geburtstagsfeier von Augusta Gräfin vom Hagen eingeladen.
Salon Cassirer ... Mathiss und Berneis: Ausstellung „Henri Matisse. Benno Berneis“, Kunstsalon Cassirer 01.01. - 20.01.1909.
B. nur zu spät: Berneis, da Corinth und Slevogt nach Max Beckmanns Ansicht künstlerisch alles bereits vorweggenommen haben.
freie Austellung von Balluschek: Nicht ermittelte Ausstellung. Hans Baluschek stellte ab April in der 18. Ausstellung der Berliner Secession aus. Im Ausstellungskatalog „Zu wenig Parfüm zu viel Pfütze“. Hans Baluschek zum 150. Geburtstag. Hg. von Anna Grosskopf, Tobias Hoffmann, Fabian Reifferscheidt. Bröhan Museum Berlin. Köln 2020 ist in der Zeittafel für 1908/09 keine Einzelausst. aufgeführt.
Garten aus einer Blindenanstalt: Vermutl. „Blinde“, 1900, Aquarell-Pastell, Stiftung Stadtmuseum Berlin.
Bild ... Garten eines Berliner Vorstadt Tanzlokals: Werk von Hans Baluschek nicht ermittelt.
Spihießer: Spießer.
Notar ... Grethe: Max Beckmanns Schwester Margarethe Zech hatte für die Hypothek des Hauses in Hermsdorf gebürgt.
bisherigen Gläubiger: Es handelt sich vermutl. um den im Eintrag vom 28.12.1908 erwähnten Herrn Goyer.
Schockens: Sophie Meyer-Schocken und Wilhelm Schocken.
Kafe Fürstenhof: Café im Hotel Fürstenhof, Potsdamer Platz, 1907 zum Luxushotel erweitert.
Meier Greco: Kombination aus Julius Meier-Graefes Namen mit dem von ihm geschätzten El Greco, eigentlich Dominikos Theotokópoulos.
Propaganda neue Secession: Max Beckmann nahm sich vor, sich nicht weiter für die Gründung einer neuen, unabhängigen Künstlervereinigung zu engagieren.