9. Jan 19099. Januar 1909
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<Sonnabend.> d. <9.1.> 08 / Morgens als ich noch im Bett / lag telephonirte Dora Hitz / an um °mit° einen von uns / zu dem Kammerkonzert von / Lampe einzuladen. Ich / sagte zu da Mink noch / in die Secession wollte die / morgen geschlossen wird. / Wir fuhren dann schon des / Morgens °und° ~gegen~ 11 los. Zuerst / in die Chinesische Austellung. / Manches Schöne in ihr. Ein / paar Mädchen ein paar Tiere / und ein paar Landschaften von / einer merkwürdigen orientalischen / Mystik. Ich ärgerte mich / über das vorurteilslose Bewundern / der Leute und dachte dann / mit welcher Anmaßung und / Frechheit sie zeitgenössische / Sachen kritisiren ohne auch / nur einen Deut °weniger° / mehr von diesen Sachen zu / verstehen als von den modernen / – Dan fand ich auch / doch, daß das chinesische / °n° mir zu ästhetisch wäre / zu zart, wie die Dora Hitz / ganz richtig sagte feminin. / Ich fand es auch trotz der / manchmal grotesken und / schauerlichen Stücke. Auch / zu dekorativ ich wünsche °den° / stärkere räumliche Betonung. / Kurz ich bin einmal wieder / zu einseitig um diese zweifel- / los rasend cultivirte hochstehende / Kunst genügend genießen / zu können. Mein Herz schlägt / mehr nach einer roheren / gewöhnlicheren vulgäreren / Kunst die nicht verträumte / Märchenstimmungen lebt / zarten Poesien, sondern / dem furchtbaren, gemeinen, / großartigen, gewöhnlichen / °l° groteskbanalen im / Leben direkten Eingang / gewährt. Eine Kunst / die uns im realsten des / Lebens immer unmittelbar / gegenwärtig seien kann. / – Dann bei Schulte / um die Bilder des Herrn / von Bülow zu besehen der / zu diesem Zweck sich / auch dort versammelt hatte. / Noch unreif nicht talent- / los. Schwankt noch / zwischen einer Routine / die Unsicherheit verbirgt / zwischen schwazhaften Gegen- / ständlichkeiten und tieferen / Kunst oder Stylgefühl. Man / muß noch abwarten. – / Dann bei Buschen mit / Martin und Mink Mittag / gegessen. Politik. / Martin meint es giebt Krieg. / Russland England Frankreich / gegen Deutschland. Wir / wurden einig daß es für / unsere heutige °s° ziemlich / demoralisirte Kultur garnicht / schlecht wäre, wenn die / Instinkte und Triebe aller / wieder mal an ein Interesse / gefesselt würden. / Dann Dora Hitz. Sie / ließ mir bei meinem / ersten Besuch durch daß / Mädchen erklären daß sie / sich um eine Stunde / mit dem Anfang des Concerts / geirrt hätte noch nicht / frisirt wäre und ob ich / nicht noch einen Gang / zu machen °oder° hätte oder / lieber so lange warten wollte. / Ich °s° verließ indignirt das / Lokal und ging zu / Schockens wo ich freundlich / aufgenommen wurde mit / Kaffé getränkt und / durch den Anblick von / Schockens neustem Bilde / °Fra° nakte Frauen am / Strand interssirt wurde. / Das Bild kann unter Um- / ständen was werden. / Dann mit D. H. im Auto / in‘s Konzert. Trafen dort / L. v. Hofmann lernte / seine Frau kennen. Übliche / schöne Sphinx aber etwas / spießig. Auch Frau Bohme [?] / entgingen wir nicht, da / sie neben uns saß. Wieder / große Auseinandersetzung / wegen der Besuche. Ich / erklärte noch einmal, daß / wir aus Prinzipiengründen / Gegenbesuch erwarteten. / Einigung und das unan- / genehme Genöl zu befriedigen / daß sie im Frühjahr zum / Tee kommen dürfe und / uns nun also in Gottes / Namen einladen könnte. / Dann die Musik / Beim ersten Beethoovenquintett / war ich noch zu sehr mit / all diesen unangenehmen / kleinlichen Gerede beschäftigt, / als daß ich viel davon / gehabt hätte auch nach- / her noch bei einigen / kleineren Sachen von Ph. S. / Bach, Rameau ect. / Aber dann kam ein / Brahms-Quintett mit / Klavier daß war unglaublich / Besonders das Allegro non / troppo des Anfang war / wundervoll. Hoch empor / über all den kleinlichen / Dreck des Alltagsleben / heben °er° meine Seele °in° / diese Wundervollen Töne / In grandiosen jubelnden / °Tönen° ~Linien~ wie der Rytmus / des Meeres oder die der / Bäume waren wenn die / ersten Frühlingsstürme über / sie hinbrausen. So viel / durch gewaltige Schönheit / verklärte Tragik. Die / tiefste Schönheit des / Menschenlebens gefühlt / im Dramatischen desselben. / Dann mit der Dora Hitz / zu Fuß nach ~ihrem~ Haus. / Gemütlich bei ihr zu Abend / gegessen und <sehr> gut. / Wir kamen uns menschlich / etwas näher und sprachen / über Dinge von / der Kunst und vom Leben.

9.1.08: Irrtümliche Jahresangabe. Eintrag vom 09.01.1909.
Lampe: Vermutl. der Pianist Walther Lampe.
Secession ... morgen geschlossen: Vermutl. die in der Berliner Secession seit Dezember eröffnete 16. Ausstellung, Zeichnende Künste. Oder die IV. Ausstellung. Kollektion Leopold Graf von Kalckreuth, Winter 1908/09 bei Paul Cassirer.
Chinesische Austellung: In der Königlichen Akademie der Künste zu Berlin fand vom 09.12.1908 bis 10.01.1909 die Ausstellung chinesischer Gemälde aus der Sammlung der Frau Olga-Julia Wegener statt. Katalog siehe Digitalisat der Staatsbibliohtek Berlin, https://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN780142985. Die Eintrittskarten hatte Beckmann von Gustav Landauer erhalten, vgl. Eintrag vom 17.01.1909.
bei Schulte ... Bilder des Herrn von Bülow: Ausstellung von Joachim von Bülow in der Galerie Eduard Schulte.
Buschen ... Martin: Minna Beckmann-Tubes Mutter Minna Ida Concordia Tube und deren Sohn Martin Tube.
Schockens neustem Bilder nakte Frauen am Strand: Nicht ermittelt. Vgl. Eintrag vom 16.01.1909. 2015 war im Kunsthandel ein Aquarell dieses Themas, das Wilhelm Schocken zugeschrieben ist, vgl. https://www.artory.com/artists/attributed-to-wilhelm-schocken-1874/.
D.H.: Dora Hitz.
L. v. Hofmann ... seine Frau: Eleonore und Ludwig von Hofmann.
Frau Bohme [?]: Person nicht ermittelt.
Beethoovenquintett: Beethovenquintett.
Ph. S. Bach: Vermutl. Carl Philipp Emanuel Bach.
Rameau: Jean-Philippe Rameau.
Brahms-Quintett mit Klavier ... Allegro non troppo des Anfangs: Johannes Brahms, Klavierquintett in f-Moll, op. 34 für Klavier, zwei Violinen, Viola und Violoncello. Vgl. Eintrag vom 11.01.1909.

Technische Angaben: unliniert, gebunden in helles Leinen
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1909, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://www.beckmann-tagebuecher.de/1909/3442