<Montag d. 11.> 1.09 / Heute hat ich eine große / Freude einen Brief aus / Brasilien von Lisbeth Färber. / ich mußte sie einmal ver- / lassen es sind jetzt wohl / vier oder fünf Jahre her. / Es war in meiner schlimmsten / Epoche und sie war der / wertvollste und liebste Mensch / damals. Und doch °war° / zwang mich ein Schiksal / von ihr. Ich °antworte° ~antwortete° ihr / nicht mehr. Und heute kam / nun ein so rührender fast / ergreifender Brief Sie hatte / mein Bild in der Woche gesehen / und will nur von mir hören. / Sie ist verheiratet. / Ich habe mich so gefreut / daß mir das Schiksal gestattet / hat eine Jugendsünde vieleicht / nachträglich etwas auszugleichen / und Schmerzen die ich verursacht / nachträglich noch etwas mildern / zu können. Ich habe ihr / sofort geschrieben so dankbar / und herzlich wie ich mich nur / irgendwie ausdrücken konnte / und wie mir wirklich zu / Mute war. Sie war so ein / furchtbar lieber feiner Mensch. / Wie °hat° ~hart~ vom Schiksal, sie / mir gerade in °meiner° ~der~ dunkelsten / und wildesten Zeit meines / Lebens und meines Charakters / in den Weg zu werfen daß / ich ihr so viele Schmerzen / bereiten mußte. / Wie freue ich mich, daß sie die / Energie und den Mut gehabt / mir ~Gelegenheit zu schaffen~ ihr meine tiefen freundschaftlichen / Gefühle die ich die ganze / Zeit für sie gehabt habe, / °ausdrücken° mein Mitgefühl / und eine Trauer darüber / daß °es doch° ich doch von / ihr mußte ausdrücken / zu dürfen. / Hoffentlich kommt der / Brief richtig an. / Dann hatte ich noch eine / andere kleinere Freude, / Koch der Verlag d. Kunst u. / Dekoration in Darmstadt / bat um die Erlaubnis ~d. Reproduktion~ / zweier °Z° meiner Zeichnungen / aus d. Secession. / Nachmittags waren Herr und / Frau Spiro da. Nette / kleine Tierchen. Harmlos / gutmüthig und ästhetisch. / Ganz gemütlich. Schon / des Morgens fiel mir der / wundervolle Anfang des / Brahms °O° Klavier Quintett ~op. 34 / ein im Allegro non tropo / als ich noch °e°ganz unter / der Freude des empfangenen / Briefes und eines mir / wiedergewonnenen Menschen stand / und auch jetzt verfolgen / mich diese wundervoll / jubelnden Rythmen. / Es war schön heute!
Lisbeth Färber: Person nicht ermittelt. Da sie verheiratet war, hieß sie zu diesem Zeitpunkt bereits anders.
mein Bild in der Woche gesehen: „Die Woche“ war eine illustrierte Zeitschrift in Deutschland, begründet 1899 vom Berliner August Scherl Verlag, eingestellt 1944. Ein Beitrag oder eine Abbildung eines Werkes Max Beckmanns 1908 oder 1909 wurde nicht ermittelt.
Ich habe ihr sofort geschrieben: Brief an Lisbeth Färber nicht ermittelt.
Koch der Verlag d. Kunst u. Dekoration ... Zeichnungen aus d. Secession: Das „Bildnis meiner Frau (‚Le Début‘)“, 1906, Bleistift, Privatbesitz, MB-Z 000, war im Katalog der Ausstellung „Zeichnende Künste“ aufgeführt, und reproduziert in der Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration“, Bd. XXIV/1909, S. 146. Die Zeitschrift erschien im Darmstädter Verlag Alexander Koch. Vgl. Leben in Berlin, S. 61.
Herr und Frau Spiro: Der Schriftsteller Mario Spiro, Vorname der Ehefrau nicht ermittelt.
Brahms Klavier Quintett op. 34: Johannes Brahms‘ Klavierquintett in f-Moll hatte Max Beckmann zwei Tage zuvor im Konzert gehört, vgl. Eintrag vom 09.01.1909.