6. Jan 19096. Januar 1909
Dieser Eintrag enthält mehrere Abbildungen:

<Mittwoch> 6.1.09 / Meier Gräfe war da. Ich holte / ihn wegen des schwirigen Weges / aus Berlin, lernte bei ihm / noch einen Dr. Grauthoff / kennen. Unterwegs Kunstgeschwätz / Behauptete meinen ~abhehnenden[?]~ Standpunkt / ~wegen Marés~ ihm gegenüber, wegen seiner / zu ästhetischen Abgesondertheit / vom Leben im Gegensatzt / zu Rembrand Tintoretto / und auch Greco. Bewies / ihm auch meine geringere / Hochachtung vor Delacroix im / Verhältnis zu Rubens und / Rembrand, was er auch an- / erkennen mußte, ~er~ schob / es dann auf das geringere / Zeitalter, was mir natürlich / egal seieen kann ebenso / weil er vielen französischen / Künstlern gute Wege / gezeigt hatte / °W° Viel Grecolärm von Meier / was mir nichts Neues war / Dann meine Bilder. Es / war ein komisches Gemisch von / Baffseieen Bewunderung / Tadel und anderen Sachen. / Redete auch da noch viel von / Greco. Am einwand°s°freisten / fand er die Sintfluth am / interessantesten die Auferstehung / und manche andere kleinere / Sache. War alles in allem / nicht uninteressant. Schade / daß er eben auch nur litterarisch / empfindet auch im Stil, / sonst könnte er nicht ein / Bild °w° von Schocken was / in unserem Eßzimmer / hängt für eines von mir / ansehen, er fand es allerdings / nicht gut aber unser / Stil ist doch so brüllend / verschieden, daß er das / hätte bemerken sollen. / Nachmittags fuhren wir / mit der °E° 57 zu Buschen. / Sie freute sich sehr ihre / durch die Kälte verlorene / Tochter endlich einmal / wiederzusehen. Auch war / Tante Marichen da. / Abends dann bei der Gräfin / Hagen mit dem Kellermann Hollitscher / Herr und Frau von Bülow / Frau und Fräulein Lessing / Herr und Frau Schocken und / Gerda Schröter. / Hasenbraten und Sekt / Wie wir nachträglich erfuhren / Geburtstag der Gräfin. / Manches ganz belebte nach / °den° °d° manchem Glas Sekt. / Ich hatte ziemlich viel / getrunken. Hollitscher / erzählte ~mir~, daß er im / Begriff stünde sein / Verhältnis zu Cassirer / zu lösen. Schocken als / Jude griff Hollitscher an / der als Jude in eine zu / selbstgefällige Beschreibung / °seiner° der culturellen / Vorzüge seines Stammes / verfiel. Es war sehr fein / wie Schocken einen viel / freieeres und echteres / °L° Selbsbewußtseien / bewies als Hollitscher / der mit seinem künstlich / forcierten Stammesbewußtsein / kläglich abfiel. / °Sehr nett war wie° Kellermann / der neben ihm auf einem / hohen Strohstuhl saß ärgerte / ihn auch indem er immer / von Zeit zu Zeit °immer° / °ei° wenn Hollitscher gerade / mit höchstem Enthusiasmus / irgend einen besonderen / Vorzug entdeckt hatte, / inn laut in die Ohren / brüllte „Quatsch ... / ... Quatsch.“ Und das / immer stereotyp wiederholte / was sehr komisch wirkte. / Herr von Bülow den ich / schon aus Weimar kannte ~und seit 5 Jahren zum / ersten Male wieder / sah~ sah / noch als Referendar, (°er° er ist / jetzt Maler) war sehr dick / geworden trägt ein originelle / Brille und ist verheiratet. / Er saß dick und merkwürdig / verändert gemütlich herum, / wärend er früher eins der / frechsten und verlotterdsten / Couchons war die man / sich denken konnte. / Ganz neu war auch Fräulein / Lessing ein lustige / symphatische Dame mit / ganz viel Charme und / netter Bescheidenheit. / Viel Sekt und sehr viel / Hasenbraten. –

Meier Gräfe: Julius Meier-Graefe besuchte Beckmann in seinem Atelier.
Dr. Grauthoff: Vermutl. Otto Grautoff.
abhenenden: Ablehnenden.
Marés ... Rembrand: Hans von Marées.
Rembrandt: Rembrandt.
Tintoretto: Jacopo Tintoretto.
El Greco: El Greco.
Delacroix ... Rembrand: Max Beckmann verglich Eugene Delacroix mit Rembrandt und Rubens.
Grecolärm von Meier: Julius Meier-Graefe hatte auf seiner Spanienreise im Vorjahr El Greco wiederentdeckt und löste damit eine regelrechte El Greco-Begeisterung aus, die sich auch in Museumsankäufen niederschlug, z. B. durch Hugo von Tschudi, vgl. Eintrag vom 07.01.1909, in dem Max Beckmann den Kunstkritiker scherzhaft „Meier Greco“ nennt.
die Sintfluth ... Auferstehung: Meier-Graefe war besonders von Max Beckmanns Gemälden „Sintflut“, MB-G 97, und der „Auferstehung“, MB-G 104, angetan.
Bild von Schocken: Max Beckmann besaß von Wilhelm Schocken eine Landschaft mit blühenden Obstbäumen aus dem Jahr 1907. Freundlicher Hinweis von Mayen Beckmann.
Buschen: Buschchen, Spitzname von Minna Ida Concordia Tube.
Tante Marichen: Person nicht ermittelt, vermutl. eine Verwandte von Minna Beckmann-Tube, vgl. Eintrag vom 30.12.1908.
Gräfin Hagen ... Geburtstag: Am 02.01.1909 war Gräfin Augusta vom Hagens 37. Geburtstag. Vgl. Max Beckmann. Von Angesicht zu Angesicht. Ausstellung Museum der bildenden Künste Leipzig 2011, S. 265.
Kellermann: Bernhard Kellermann.
Hollitscher ... Cassirer: Der Kunstsammler und Mäzen Carl von Hollitscher. Hollitscher erwägte, seine Verbindung mit Paul Cassirer lösen zu wollen. Vgl. „Die Gemälde-Sammlung des Herrn Carl von Hollitscher in Berlin.“ Herausgegeben von Wilhelm Vode und Max J. Friedländer. Berlin 1912.
Herr und Frau Bülow: Agnes und Joachim von Bülow. Vgl. Brief an Caesar Kunwald vom 17.03.1909 mit einer Erwähnung von Bülows,, vgl. Max Beckmann Briefe I. Von Bülow war gelernter Jurist und wandte sich später der Malerei zu.
Fräulein Lessing: Person nicht ermittelt.
Herr und Frau Schocken: Wilhelm Schocken und Sophie Meyer-Schocken.
Gerda Schröter: Gerta Schroedter.
Couchons: fr cochons, Schweine.

  • MB-G 097
  • MB-G 104

Max Beckmann Briefe. Band I: 1899–1925. Herausgegeben von Klaus Gallwitz, Uwe M. Schneede und Stephan von Wiese unter Mitarbeit von Barbara Golz. München/Zürich 1993, Nr. 41 und Anm. S. 413;Max Beckmann. Von Angesicht zu Angesicht. Ausstellung Museum der bildenden Künste Leipzig 2011. Hg. von Susanne Petri und Hans-Werner Schmidt. Ostfildern 2011, S. 265;Katalog der Sammlung Carl von Hollitscher, Jüdisches Museum Berlin, Digitalisat: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/DUS25HEPECPFKH3SUBKAYER77QTOXDNK?query=affiliate_fct_role_normdata%3A%28%22http%3A%2F%2Fd-nb.info%2Fgnd%2F124668593_1_affiliate_fct_involved%22%29&amp;isThumbnailFiltered=false&amp;rows=20&amp;offset=0&amp;viewType=list&amp;hitNumber=2

Technische Angaben: unliniert, gebunden in helles Leinen
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1909, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://www.beckmann-tagebuecher.de/1909/3453