21. Jan 190921. Januar 1909
Dieser Eintrag enthält mehrere Abbildungen:

Donnerstag d. 21.1.09 / Es waren unruhige Tage / seit Sonntag. <Montag> früh / war ich schon früh in der / Stadt, wegen der Steuer. / Ging dann zu Fuß (nach / dem Mittag zu Cassierer und / sah mir Mattisse noch / einmal an fand ihn noch un- / bedeutender und epigonen- / hafter als das vorige Mal. / Genau so unperßönlich wie / er in einem seiner älteren / Bilder Monet und Degas / nachmacht evolutionirt er / nun in Gaugin van Gogh / und irgend welchen indischen / oder chinesischen Primitiven. / Dann zu Fuß weiter bei / der Dora Hitz. Dort Tee / getrunken. Mittelmäßige / Freundlichkeit. Schade / daß man ihr so wenig / trauen kann. Bei / Schockens, Busschen, Cafe / traf dort Dohnány dann / Concert von Fried. Traf / dort Frau Kolbe. Warmer / Empfang: Nun würden / die Leute gleich wieder etwas / zur reden haben meinte sie, / Beckmann und <Frau> Kolbe / allein im Concert. Manchmal / sieht sie schön aus. Öfter / belanglos. Ein entsetzlich / langweilige Sache von / Scriàbin °pl° le poeme / divin ein wunderschöne / Arie von Mozart von / einem prachtvollen Sopran / gesungen und eine im / schlimmsten Tempo vorgetragene / Overtüre der Meistersinger / war der Sucess des Abends. / Ich mußte mich neben Frau / Kolbe setzen. Sie war sehr / stark parfümirt. / Dienstag früh fing ich an / am Messina bild zu arbeiten / Nachmittags mit Mink zu / Eve dort Buschen Tutti / und Tante Linke und / Hasenbraten. Vorher und / nachher viel °U° unötiger / Zank zwischen Mink / und mir. Concert von Dohnany / wohl zu müde und abgespannt / um ganz folgen zu können / am besten gefiel mir / Schuman. Ich saß zeitweilig / neben Gerta Schrödter. / Beethoven spielte er ein / bischen langweilig glaube / ich. Nach dem Concert / Café Josti anbahnende / Versöhnung. Friedenschluß / am Bahnhof. Gerade / wie wir abfahren wollten / kam Anni noch und fuhr / mit. / Mittwoch früh arbeitete ich / weiter am Messina ging / an die vorderste liegende / Figur. Schöner Einfall in / °vi° gold und ~schmutzig~ rosaviolett. / Abends fuhr ich zu Zech‘s / zum Abendbrot. Richard / Grethe Paul und Franz / Martini (war mir zuerst / unangenehm.) Richard / kan ~zu~ spät°er°. Man / hatte ihm seinen Mantel / gestohlen, er war etwas ge- / knickt und mußte trotzdem / manche midleidlose Scherze / aushalten. Nachher stellte / es sich heraus, daß man / sich scheinbar einen Scherz / mit ihm gemacht hatte / °G° Schöne Gänseleber / pastete und Pfahl muscheln / Unterhaltung bedeutungslos. / Las auf der Bahn Stifters / Feldblumen die mir °teils° / teilweise <sehr> gefielen / Jean Paul °für° in Miniatur / ausgabe scheinbar. / Heute habe ich nun wieder / mit meiner ganzen Kraft / an Messina / gearbeitet. / Morgen‘s nach dem Modell / und nachmittags aus dem / Kopf und nach Tages- / °ve° zeitungsphotographien / den Hintergrund ange- / fangen. Es interessirt / mich sehr. Vieleicht bekomme / ich etwas hinein von dem / atemlosen Entsetzen der / grauenhaften Schönheit des Sujets / Morgens als ich noch im / Bette lag telephonirte / Grethe bereits an, / daß im Weltspiegel / Minks Portrait ~(es gehört Cassierer)~ reproduzirt / sei, was augenblic°h°klich / im Hohenzollern kaufhaus / ausgestellt ist (Dame in / Kunst u. Mode). Nachmittags / gingen wir den beide / in‘s hiesige Café und / besahen uns das Wunder. / Es war sehr hübsch gekommen / und eine nette Überaschung / Wir wa~r~teten vergeblich auf / Anni und eben warte ich / auf‘s Abendbrot. Es ist / ¼ 8 und wird wohl nichts / mehr passiren. Also gute Nacht.

Cassierer ... Mattisse: Max Beckmann besuchte erneut die Ausstellung „Henri Matisse. Benno Berneis“ im Kunstsalon Paul Cassirer, vgl. Eintrag vom 07.01.1909.
Monet: Claude Monet.
Degas: Edgar Degas.
Gauguin: Paul Gauguin.
van Gogh: Vincent van Gogh.
Schockens: Sophie Meyer-Schocken und Wilhelm Schocken.
Busschen: Minna Tube, Max Beckmanns Schwiegermutter.
Dohnány: Ernst von Dohnányi.
Konzert von Fried.: Person nicht ermittelt, Name vermutl. abgekürzt.
Frau Kolbe: Benjamine Kolbe.
Scriàbin le poeme divin: Nikolaj Aleksandrovic Skrjabins 3. Sinfonie in c-Moll, Opus 43, entstand 1902 bis 1904 und trägt den Beinamen „Le divin poème“.
Overtüre Meistersinger: Ouvertüre zu Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, WWV 96.
Succes des Abends: fr le succès, der Erfolg des Abends.
Messina bild: „Szene aus dem Untergang von Messina“, MB-G 106.
mit Mink zu Eve dort Buschen Tutti: Mit Minna Beckmann-Tube zu Eve Sprick, wo sie Minnas Mutter Minna Ida Tube („Buschen“) und Gertrud „Tutti“ Jakstein trafen.
Tante Linke: Vermutl. eine Verwandte von Max Beckmann. Der Mädchenname von Max Beckmanns Großmutter väterlichseits war Linke, vgl. Auszüge aus dem Tauf- und Sterberegister, erhalten im Max Beckmann Archiv.
Concert von Dohnany: Ernst von Dohnányi gab ein Konzert, Ort nicht ermittelt.
Schuman: Robert Schumann.
Gerta Schrödter: Gerta Schroedter.
Beethoven spielte er: Ernst von Dohnáhnyi spielte ein Klavierstück von Ludwig van Beethoven.
Cafe Josti: Café Josty am Potsdamer Platz.
Anni: Annemarie Tube.
weiter am Messina ... vorderste liegende Figur: Die unmittelbar im Vordergrund des Gemäldes in sich zusammengesunken sitzende männliche Figur.
Zech‘s: Margarethe und Paul Zech.
Richard: Richard Beckmann.
Franz Martini: Person nicht ermittelt.
Stifters Feldblumen ... Jean Paul in Miniaturausgabe: Lektüre von Adalbert Stifters „Feldblumen“. In Max Beckmanns Bibliothek ist kein Exemplar des Buches erhalten. Der Stil erinnerte Beckmann an den seines Lieblingsschriftstellers Jean Paul.
Tageszeitungsphotographien: Vermutl. aus dem Berliner Lokalanzeiger vom 31.12.1909, vgl. https://beckmann-gemaelde.org/106-szene-aus-dem-untergang-von-messina.
Weltspiegel ... Minks Portrait (es gehört Cassierer): „Bildnis Minna Beckmann-Tube im grauen Pelz“, MB-G 084. Das Gemälde wurde laut Bilderliste im Juli 1908 an Paul Cassirer verkauft. Der Artikel mit der Reproduktion des Gemäldes erschien im Welt-Spiegel. Illustrierte Zeitung, nicht ermittelt.
im Hohenzollern kaufhaus ausgestellt: Das Gemälde war zu sehen in der Ausstellung „Die Dame in Kunst und Mode“ im Hohenzollern-Kunstgewerbehaus, dem Geschäftshaus Friedmann und Weber in der Königgrätzer Straße.
hiesige Café: Café in Hermsdorf, nicht ermittelt.

  • MB-G 106
  • MB-G 084

Max Beckmann Bilderliste Heft I, 1908. Bilder von 1904–1934 in Berlin Frankfurt Paris und wieder Berlin von Beckmann, Max Beckmann Archiv;Bescheinigung über Geburt und Taufe von Johanna Dorothea Elisabetha Linke 1804 durch die Kirchengemeinde St. Stephani zu Helmstedt, Max Beckmann Archiv

Technische Angaben: unliniert, gebunden in helles Leinen
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1909, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://www.beckmann-tagebuecher.de/1909/3458