<Sonntag> d. 24. I. / Am <Freitag> arbeitete ich des / Morgens am neuen Bild. / Nachmittags fuhr ich nach Berlin / besuchte Schocken und Herrn / °vo° u. Frau v. Bülow. Bei / Bülow sah ich ältere Sachen / von ihm die mir ganz gut / gefielen. Die Sachen seiner / Frau ließen mich ziemlich / ruhig, da sie gut aber sehr / unpersönlich waren. / Abends dann Kafé mit / Kolbe Nauen Bülow Rößler / und Schocken. Merkwürdiger / Wirwar, die übliche Unzufrieden- / heit über die Secession und / mancherlei Kunst und anderes / Genöl. <Sonnabend> also / gestern vollendete ich die erste Figur / ganz im Vordergrund / Ich hoffe daß sie schön ist. / Nachmittags fuhren Mink und / ich zu Anni nach Hohenneuendorf / dabei aus heitern vergnügtem / Himmel plötzlich Streit. / Trafen Anni und nahmen / sie mit zurück tranken / dann mit Busch bei uns / Kaffé. Buschen ist übrigens / eben seit Mittwoch bei uns / zu Besuch.–Ich hatte / °ein° etwas Ärger mit einem / dummen Karbunkel ähnlichen / Ding am Hals und bekam / Umschläge. Abend’s bei / Landauers hier in Hermsdorf. / Rudolf Klein und Frau. (Julie / Wolfthorn) Meine Befürchtung / einen süßlichen Schwätzer mit / einer sehr guten Kunstkritik / zu begegnen traf nicht / ein. Er posierte zwar aber / mit einer nicht unangenehmen / Naivität °und° war zurück- / haltend und sprach kluge / Sachen. Er ist eben doch / °ni° fast der einzige Mensch / der der Kunst gegenüber so / empfindet wie ich. Teilte / sogar meine Meinung über / Marées, sogar die gewissen / °A° Charakterähnlichkeiten / mit Liebermann °z° Beide / zu sehr Gehirnkünstler. / Kein unmittelbares Verhältnis / zum Leben. Als dritter im / Bunde, jeder aber in seiner Art / ganz besonders, fiel mir / Klinger ein, dessen Brahms- / denkmal hier eben in der / Secession ausgestellt ist. / Ich sah es am Freitag als / ich von Schockens zu Bülow / ging. Scheußlich einfach / unhaltbar in jeder Beziehung. / Sonst aber natürlich Klinger / als Persönlichkeit nicht weg- / zuleugnen. Trotzdem er / eigentlich unkünstlerisch ist. / Reienfolge Marées, Liebermann / Klinger. Die guten Landauers / waren ziemlich empört über / unsere Absägerei. Wir / waren jedoch sehr einer Meinung / auch Mink, daß wir unser / lieber an die Quellen / Rembrand Frans Hals und / Goya hielten als an diese / etwas pinzipiellen Theoretiker. / Wunderten uns über diese merk- / würdigen Erscheinung und fanden / daß uns unter den Alten solche / merkwürdig gewaltsam konstruirten / Existenzen niemals begegnet / waren. – Ich bin übrigens / nachträglich der Meinung daß / es sie früher ebenso gegeben / hat wie jetzt. Sie sind / nur vergessen. Sie haben / °stillschweigend° als Stufe / zu etwas Höheren gedient, / waren gute Lehrer ohne es / zu wollen, da sie manches / für die Zeit notwendige in / zu abstrakter Form verar- / beiteten, was aber dadurch / eine große Deutlichkeit / gewann, und aus dem dann / die folgende Generation ohne ihrer / künstlerische Naivität zu schaden / künftigen Boden °füh° für / ihr eigenes Wachstum fand. [eine Seite weiter im Tagebuch, Nachtrag:] Sonntag . 24. waren wir Nachmittag / mit Anni °un° MInk und ich / in Tegel. Schöner Spaziergang.
am neuen Bild: „Szene aus dem Untergang von Messina“, MB-G 106.
Schocken: Wilhelm Schocken.
Herrn u. Frau v. Bülow: Agnes und Joachim von Bülow, beide malten und Beckmann besah sich Werke von beiden.
Kafé mit Kolbe ... Schocken: Max Beckmann war in einem Berliner Café mit Georg Kolbe, Heinrich Nauen, Joachim von Bülow und Wilhem Schocken.
erste Figur ganz im Vordergrund: Die unmittelbar im Vordergrund des Gemäldes „Szene aus dem Untergang von Messina“, MB-G 106, in sich zusammengesunken sitzende männliche Figur.
Mink und ich zu Anni nach Hohenneudorf: Mit Minna Beckmann-Tube zu deren Schwester Annemarie Tube nach Hohen Neudorf in Brandenburg.
Busch, Buschen: Minna Ida Concordia Tube.
Anni: Annemarie Tube.
Landauers: Hedwig Lachmann und Gustav Landauer.
Rudolf Klein und Frau: Julie Wolfthorn und der Kunstkritiker Rudolf Klein-Diepold, mit dem sich Max Beckmann über Hans von Marées, Max Liebermann und Max Klinger unterhielt.
Klinger ... Brahmsdenkmal: Max Klinger, Brahmsdenkmal für die Hamburger Musikhalle, war derzeit in der Berliner Secession zu sehen in der Ausstellung Max Klinger in der Berliner Secession vom 16.01. bis 15.02.1909. Vgl. Katalog der 17. Ausstellung der Berliner Secession 1909. Max Beckmann sah dessen Brahms-Denkmal dort.
von Schockens: Sophie Meyer-Schocken und Wilhelm Schocken.
unsere Absägerei: Beckmanns und Klein-Diepolds vernichtende Kritik, die Klein-Diepold und Max Beckmann teilten.