<Sonnabend d. 30.1.> 09 / Wieder an der Vergewaltigungs- / gruppe gearbeitet mit 2 Modellen / Abends Secession. Vorstands- / wahl. Derselbe öde sinnlose / aber geschäftstüchtige Unsinn / bei °D° der Dora Hitz zu / Abend gegessen. Dann mit / ihr in die Secession. Brandenburg / kennen gelernt. Netter / Kerl, sieht lange nicht so / sentimental aus wie seine / Bilder. Interessant war / wie sehr Liebermann und / Corinth gegen Schocken / waren. Es freut mich / gemeiner Weise, da ich / hoffe eine sicher Stütze / in dem empörten Schocken / für meine neue Secession / zu finden. – Sonst / heftig angeekelt von / der ganzen verlogenen / kalten Gesellschaft / auch von Dora. / Schön war es wie ~ich von~ allen / weg war und in der stillen / klaren Winternacht den / Kanal entlang zum / Potsdammerplatz gehen / konnte. Ein heftiger / Wind hatte den Schnee / gegen alle Äste und / Stämmer der Bäume geweht. / Überall starrten weiße Riesen / Schlangen von elektrischen / Licht hell beleuchtet / gegen den dunklen Nacht- / himmel. / Am Stettiner Bahnhof erlebte / ich noch eine unangenehme / Scene. Ich sah schon / von weitem ein paar sich / balgende Menschen und hörte / ein wüstes gellendes Geschimpfe / Ein Schutzmann °s° wollte / einen Mann wegbringen / der sich dagegen wehrte und / dabei warf er ihn in brutaler / Weise °s° zu Boden, da / der Mensch sich immer °wegdre-° / °laufe versuchte° sträubte. / Ich brüllte den Schutzmann / an da sich alles in mir / gegen diese°s° gemeine / °B° brutale Vergewaltigung / eines Menschen wehrte und / erreichte es, daß °er° der / Mann wenigstens wenn / auch immer noch schimpfend / und wehklagend mitging. / „Hund hat er zu mir gesagt / Hund! Ik! °K° Ik ik / bin doch auch ein Mensch“ / Seine Stimme schwankte immer / zwischen fruchtbarster °M° Wut und / einem brüllenden °Sch° ihn / direkt stoßenden Schluchzen. / Langsam entfernten sie / sich und immer noch tönte / das Wehklagende Brüllen / des armen brutalisirten / Menschen °noch° aus der / dunklen Menschen masse / die sich ebenfalls neugirig / mit ihnen entfernte. / Merkwürdig waren die / schwarze kleine Masse / auf dem großen mit / Schnee bedecktem Platz / und die traurige zornige / Stimme hallte an / den Häusern des Platzes / empor zu den riesigen / dunklen / Nachtimmel an denen / helle lange schmale / Wolkenfetzen rasend / schnell dahinzogen
Vergewaltigungsgruppe: Im Mittelgrund des Gemäldes „Szene aus dem Untergang von Messina“, MB-G 106.
Secession ... Vorstandswahl: Max Beckmann war in der Berliner Secession und wohnte der Vorstandswahl bei.
Brandenburg: Martin Brandenburg war ein Freund von Hans Baluschek. Seine Kunst wurde bisweilen mit der von Max Beckmann verglichen, vgl. Barbara Copeland Buenger, Max Beckmann. Self-Portrait in Words. Collected Writings and Statements, 1903–1950. Chicago/London 1997, S. 355.
so sentimental wie seine Bilder: Brandenburg war bekannt für seine märchenhaften und phantastischen Szenen, von ihm stammen auch die Motive für die Sammelbilder des Schokoladenfabrikanten Stollwerck (Stollwerck-Sammelalben Nr. 9 und 10, 1906).
Liebermann und Corinth gegen Schocken ... Stütze: Max Beckmann hoffte darauf, dass Wilhelm Schocken, erbost über die Ablehnung durch die beiden tragenden Vorstandsmitglieder Max Liebermann und Lovis Corinth, seine Pläne für eine neue, von der Berliner Secession unabhängige Künstlervereinigung bereitwillig unterstützen würde.
Kanal: Landwehrkanal.
Stettiner Bahnhof: Heute Nordbahnhof. Von dort aus fuhren die Züge nach Hermsdorf ab.
Vergewaltigung: Der Vorfall mit dem Schutzmann am Bahnhof könnte, so vermutete Hans Kinkel, die Darstellung auf der „Szene aus dem Untergang von Messina“ beeinflusst haben. Vgl. Hans Kinkel: Max Beckmann. Leben in Berlin. Tagebuch 1908–1909. Zweite Auflage München/Zürich 1984, S. 67, Anm. 50.