Donnerst. 4. Juli 46 / Der kalte Zorn herrscht in meiner / Seele. Soll man den nie von dieser / ewigen scheußlichen vegetativen / Körperlichkeit loskommen. Sollen alle / unsere Taten immer nur lächerliche / Belanglosigkeiten im Verhältnis / zum grenzenlosen Universum / bleiben. – Eins ist uns wenigstens / noch frei. Haß – Zorn und innerlicher / Gehorsam aufkünden den wieder – / wärtigen ewig unbekannten / Gesetzen die über uns verhängt / sind seit Endlosigkeit in / namenloser schauerlicher Unfreiheit / des Willens. – Nichts bleibt / uns als der Protest – Protest / und Hochmut, des elenden Sklaven / die einzig innerliche <Freiheit> / und mit der zu – leben ist – / Grenzenlose Verachtung / gegen die geilen Lockmittel / mit der wir immer wieder / an die Candarre des / Lebens zurückgelockt / werden. Wenn wir dann / halb verdurstet unseren / Durst löschen wollen / erscheint das Hohngelächter / der Götter. – Salz / leckst du armer / größenwahnsinniger Sklave / und du tanzt lieblich / und unendlich komisch / in der Arena der / Unendlichkeit unter / dem tosenden Beifall des / göttlichen Publikums. / Je besser du's machst um / so komischer bist du. / Am Komischten die / Asketen die sich / immer noch eine neue / Sinnlichkeit im Entsagen / oder Selbstpeinigen / erfinden – Am traurigsten / der absolute Wollüstling / weil er Pech säuft / statt Wasser. / – Halten wir uns an / die Verachtung. –
Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1946, New York, Columbia University, Rare Book and Manuscript Library
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv