<Hotel Westminstère>. / <Nice> den 29. Sonnabend 1947 / Enfin kommt man etwas zur Ruhe / und ich will versuchen die Reise seit / Dienstag d. 25 kurz zu berichten. / Dienstag um ½ 9 schleppte Lütjens / pünktlich das Auto herbei und unter / allerlei Abreisegetöse unter Abschied von / L. u. Frau Post sauste das Auto mit / Butsch u. Quapp u. mir zur Bahn. / Pünktlich eine Stunde vorher. – Alles / ging glatt, das gr. Gepäck wurde auf- / gegeben die Ticketplätze II Cl. stimmten / und zur gegebenen Zeit ging’s los. / – Gemütlich erst durch Holland, was / man ja einigermaßen kennt (8 Jahre / ohne dieses Plättbrett zu verlassen) / Harlem Haag Rotterdam – – – / Rosendahl – Ganze langwirige / Zoll u. Ausreisegeschichten – aber alle / Papiere klappten und man befand / sich in Belgien – das erste Mal / aus d. Ausland in’s Ausland. / Alles sehr voll u. ich noch recht nervös. / Schließlich Brüssel. Französische / (alte Erinungen) Grenze – / Nice II Frankreich zog an mir / vorüber o Traum alter Zeiten. / Speisewagen überfüllt wie alles / in diesen Zeiten und schließlich / Abend’s 10 Uhr <Paris>. O Gott u. / Kati an d. Bahn. Autojagd / und Hotel 7. Edouard. Rue / l’opera. Später noch Kafé de la / Paix wo aufgeregte Kati informirt / wurde. – Alles ziemlich übermüdet. / Komisch verstaubt wirkte da alles – / und verarmt u. kümmerlich geworden. / – Nächsten Morgen bei C. weiler / vorher noch schönen Spaziergang mit / Q. u. Butsy Champs Elysses. / – Immer noch schön. C weiler ganz / amüsanter alter Gauner. Gegen- / seitig höchste Manschetten u. / diplomatische Reserve. – Sah den / üblichen konfusen Weltmaksrummel. / Nachm. suchte ich vergebens in d. Rue Blanche [?] / sah Noldes kurz noch Cati früh in’s / Bett. / Nice III. Nächsten Morgen weiter nach / Lyon wo wir ziemlich ermattet / im Hotel Novelle landeten. Komische / Stadt auch so – alt – aber sehr / schön die Rhone mit dem Gemüse- / markt (erste Datteln u. Oliven) / und einer alten schwarzen Kirche und / ein schöner Ludwig d. XIV von / Lemone auf einem herrlichen / Platz. Wunderbar in einer alten Brasserie Civet de Lièvre et / Saucisson. Das Hotel noch im / Umbau von Kriegsexplosionen und / ich in <falscher> Neurasthenie wegen / meinem Pass. Abfahrt nächsten Morgen / 1. Klasse (Supplement m. Reinfall) / herrlich bei Avignon u. Arles. / (möchte d. hin) Abends totmüde / mit guten Taxi ect. im / Hotel Westminster gelandet. / Es regnet u. stürmte noch. / Schwerer Orage. / <Hotel sehr schön. Enfin la> / <Nice.> 29. 3. 47 Sonnabend. / Schön, schön – schön. Wunderbar / geschlafen. Nice. Place Municipale / Grapfrucht. grünes Meer. / Gutes Diner. Tanz im Hotel / Municipal Regen Sturm. Taxi / Dinner. Butschy im Käfig im / Municipal. Wieder Gewitter alles / herrlich. Entdeckte alle Autocars [re. Rand, 90 Grad gedreht:] Viel Post. Berufung nach Berlin / Ha – Ha –
Im Anhang des Tagebuchs fertigte Max Beckmann am 29.03.1947 eine Zeichnung, vgl. Anhang, Ergänzung zum 29.03.1947.
Hotel Westminstère: Hotel Westminster in Nizza.
Nice: fr Nizza.
Lütjens/L.: Helmuth Lütjens.
Frau Post: Grietje Post.
Butsch/Butsy/Butschy: Butchy.
Quapp./Q.: Mathilde Q. Beckmann.
Plättbrett: Niederlande, vgl. Eintrag vom 12.05.1946.
Harlem Haag Rotterdam Rosendahl: Haarlem, Den Haag, Rotterdam und Roosendaal waren Stationen auf der Zugstrecke nach Paris.
Cati/Kati: Käthe von Porada.
Hotel 7. Edouard: Hotel Edouard VII. in Paris.
Kafé de la Paix: Café de la Paix, renommiertes Pariser Café.
C. weiler: Daniel-Henry Kahnweiler.
Champs Elysses: Avenue des Champs-Élysées.
Rue Blanche [?]: Nicht sicher entziffert, möglicherweise auch Rue Blondel.
Noldes: Lucy Nolde, Freundin von Mathilde Q. Beckmann, die in Paris lebte.
Hotel Novelle: Hotel in Lyon, nicht ermittelt.
Ludwig d. XIV von Lemone: Reiterstandbild Ludwigs XIV. von François-Frédéric Lemot.
herrlichem Platz: Place Bellecour.
schwarze Kirche: Vermutl. Église Saint-Paul.
Civet de Lièvre: fr Hasenpfeffer, französisches Wildgericht.
Saucisson: fr Wurst.
Neurasthenie: Nervenschwäche.
Orage: fr Sturm, Gewitter.
Place Municipale: Place Masséna mit dem Casino Municipal. Das große Gebäude, in dem sich das Casino und verschiedene Veranstaltungssäle befanden, lag an der Place Masséna. Es wurde 1979 abgerissen.
Tanz im Hotel Municipal: Im Casino Municipal gab es verschiedene Unterhaltungsangebote. Mathilde Q. Beckmann notierte in ihrer Agenda: „Tanztee im Kasino Municipal“.
Viel Post. Berufung nach Berlin: Brief von Günther Franke vom 15.03.1947, adressiert an das Hotel Westminster in Nizza, erhalten im Max Beckmann Archiv. Max Beckmann wurde von Heinrich Ehmsen zur Berufung an die Hochschule der Künste in Berlin-Charlottenburg vorgeschlagen. Ehmsen gehörte zu den Mitbegründern der Hochschule. Den Ruf erhielt Beckmann am 05.06.1947, vgl. Eintrag vom 05.06.1947.