21. Nov 194721. November 1947

Freit. 20. Nov. 47 / Millbrook / Schöne Träume der Vergangenheit ziehen / kurz vorbei wie ein seltenes lange nicht mehr / bemerktes Parfüm. Nun hebe ich den / Kopf und denke „weit weit vom Meer“ / „ganz dicht beim Meer“ und nur was tue / ich hier bei d. Indianern o großes Lachen / eine Spießerjüry teile ich, ich Mr. B. / wenn’s nicht so komisch wäre es fast traurig. / Nun es ist wenigstens lächerlich, weit / weit vom Meer – da ist alles tot / und abrasirt die Häuser meiner / tiefsten Glut nun bin ich einge- / sperrt vom Leben und gut preparirt / und wage nicht mehr den Käfig zu / sprengen –Wie auch immer – ich will / eben geliebt werden – da alles zu dumm / ist dazu liebe ich mich selber so wie X / ich will – – Ecco. Herr Nagel / aus Brooclin jemand aus Indianapolis / u. Perry verschönten heute mein / Dasein – Eine Coulisse hinter der ich / der „Unbekannte“ mich verberge –

Freit. 20. Nov. 47: Irrtümlicher Datumseintrag. Freitag war der 21.11.1947.
Millbrook: 6916 Millbrook Boulevard, heute Forest Park Parkway, die Adresse von Max Beckmanns Dienstwohnung.
hier bei d. Indianern: Indianer ist eine Fremdbezeichnung der indigenen Völker Amerikas. Hier sind die USA gemeint.
Spießerjüry: Max Beckmanns Teilnahme an der Jury für die „1947 Missouri Exhibition“, die im City Art Museum gezeigt wurde, vgl. Mathilde Q. Beckmann Agenda: „Tiger heut morgen abgeholt u. Perry zur Jury für die Missoury Show. Von 10 bis 5 haben Tiger u. 2 andere Bilder ausgesucht.“ Preise der Missouri Exhibition gingen u. a. an Max Beckmanns Studenten Warren Brandt und Walter Barker, vgl. St. Louis Post-Dispatch, 26.11.1947, und St. Louis Post-Dispatch, 20.10.1947: „Max Beckmann [...] is a member of the water color jury. Others are Werner Drewes of the same faculty and Charles Lorenz of Glendale.“ Neben Beckmann waren Charles Nagel und der Bildhauer Robert Laurent aus Bloomington Teil der Jury, vgl. Perry T. Rathbone in: City Art Museum of St. Louis. 39th Annual Report. Laut Rathbone wählte die Jury aus 1090 Einreichungen.
X: Vermutl. Zeichen für sexuelles Erlebnis.
Ecco: it da, hier.
Herr Nagel aus Brooclin: Charles Nagel war 1946 bis 1955 Direktor des Brooklyn Museum in New York. Vermutl. begegneten sich Beckmann und Nagel an diesem Tag erstmalig. Nagel veranstaltete mit Augustus Peck eine Grafik-Ausstellung mit Werken von Max Beckmann, die unter dem Titel „Prints and Drawings by Max Beckmann“ vom 11.10.1949 bis 27.11.1949 im Brooklyn Museum stattfand.
jemand aus Indianapolis: Evtl. meint Max Beckmann den oben erwähnten Bildhauer Robert Laurent aus Bloomington.
Perry: Perry T. Rathbone.

Mathilde Q. Beckmann Agenda, 21.11.1947. Agenden 1941–1950 (1942 nur als Transkription), Privatbesitz;Anonym: Missouri Art Exhibition Winners. In: St. Louis Post-Dispatch, 26.11.1947;Anonym: C. B. Fitz-Gerald wins Art Museum Prize. In: St. Louis Post-Dispatch, 26.11.1947;Perry T. Rathbone in: City Art Museum of St. Louis. 39th Annual Report 1947/48, S. 21

Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1947, New York, Columbia University, Rare Book and Manuscript Library
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://www.beckmann-tagebuecher.de/1947/1829