16. Feb 194816. Februar 1948

St. Louis / warm / [CLEAR] / bei Herrlichem Vorfrühlingstag / Vernehmung im Palais Justiz mit / Dean u. Quappi – na ja – viel Geschrei / und wenig Wolle aber zum teil komisch / zum Teil anstrengend. Erholung / im Jefferssonhotel und Streetcar / nach Clayton wo für den / neuen vegetarischen Beckmann eingekauft / wurde. / Nachmitt. wurde Wally zur Auto / frühlingsfahrt beordert und wir / fuhren Olivestraat hinaus über / Clayton (Whisky) zurück / °Aber° Ich noch im Plaza und etwas / im melancholisch sehnsuchts.. Frühlingspark / mit Abendrot ect. / Dann überfiel mich die Melancholie / und in d. Streetcar nach Haus / Q. im Concert ich in d. Temptation / Wally rief Brief aus New York an / (Künstler wollen helfen). Ich dann / doch Valentin der heftig erregt war / sehr liebenswürdig. Geld für Mexiko versprach / und ein „<Bild>“ verkauft hatte. Ha.Ha. [li. Rand, 90 Grad gedreht:] Beginn der Citronenkur. [re. Rand, 90 Grad gedreht:] Carneval 1937 jetzt genannt ehemals Variete 1937 (Quappi m. Mandoline)

Vernehmung im Palais Justiz: Department of Justice, Visa Office. Zum Prozedere vgl. Mathilde Q. Beckmann Agenda: „Um 9 kam Hudson uns holen zum Visa office. Endlose langweilige Fragen – müssen wahrscheinlich doch raus nach Mexiko um neues Visa zu kriegen Tiger sehr deprimiert u. verängstigt“.
Dean: Kenneth E. Hudson.
Quappi/Q.: Mathilde Q. Beckmann.
viel Geschrei und wenig Wolle: Von Max Beckmann häufiger genutzte Redewendung, etwa: Viel Lärm um Nichts. Sie geht auf eine Volkserzählung zurück, in der der Teufel vergeblich versucht, eine Sau zu scheren, vgl. Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Darmstadt 2001, S. 539–541.
Jefferssonhotel: Bar oder Restaurant im New Jefferson Hotel.
Streetcar: en Straßenbahn.
Clayton: Westlich von St. Louis gelegene Gemeinde in Missouri, heute Stadtteil.
für den neuen vegetarischen Beckmann ... Citronenkur: Max Beckmann machte eine Kur und ernährte sich vorübergehend fleischlos, begleitet von Zitronen.
Wally: Walter Barker.
Olivestraat: nl Straße, gemeint ist der Olive Boulevard.
Plaza: Bar oder Restaurant im Chase Park Plaza Hotel.
Frühlingspark: Forest Park.
ich in d. Temptation: Lektüre von Gustave Flauberts „Die Versuchung des Heiligen Antonius“ („La Tentation de saint Antoine“). In Max Beckmanns Bibliothek befand sich ein Exemplar des Buches. Eine Anstreichung auf S. 258 ist von Max Beckmann bez.: „16 2 48 St Louis“, sie befindet sich neben folgenden Worten der „Chimära“: „Ich gieße ihnen den ewigen Wahnsinn in die Seelen, Entwürfe des Glückes, Pläne der Zukunft, Träume des Ruhms […].“ Vgl. Peter Beckmann und Joachim Schaffer: Die Bibliothek Max Beckmanns. Worms 1993, S. 412.
Wally rief Brief aus New York an: Kontext nicht ermittelt.
Valentin: Curt Valentin.
Geld für Mexiko: Vgl. Mathilde Q. Beckmann Agenda, s. o. Für eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung war eine Aus- und neuerliche Einreise in die USA notwendig, zeitweilig war hierfür Mexiko im Gespräch.
Bild verkauft: Verkauf des am re. Rand erwähnten Gemäldes „Carneval 1937“, vgl. Bilderliste: „Bes. A. de Groot verk. durch Valentin Feb. 48 an Hartford“.
Carneval ... Variete 1937 (Quappi m. Mandoline): Gemeint ist das Gemälde „Variété (Quappi)“, MB-G 452, das er nun umbenannte in „Carneval 1937“. Auf dem Gemälde ist Mathilde Q. Beckmann mit einem Banjo (nicht mit einer Mandoline) dargestellt.

  • MB-G 452

Max Beckmann Bilderliste Heft II, 1937. Bilder ab nuar 1934 Berlin von Beckmann. Einnahmen seit Amsterdam 1937. Tagebuch 1940/41, Max Beckmann Archiv;Mathilde Q. Beckmann Agenda, 16.02.1948. Agenden 1941–1950 (1942 nur als Transkription), Privatbesitz;Max Beckmanns Bibliothek, Max Beckmann Archiv: Gustave Flaubert: Die Versuchung des heiligen Antonius. J. C. C. Bruns' Verlag, Minden i. W. 1921;

Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1948, New York, Columbia University, Rare Book and Manuscript Library
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://www.beckmann-tagebuecher.de/1948/3735