1. Jun 19491. Juni 1949

Sind die Räusche des Ichs schon vorüber, gleitest Du langsam / in’s Allgemeine zurück? – Bolder 19. Juni X / Hast Du schon alles getan, was Deine kleine Existenz auf diesem / Globus rechtfertigt? – oder entschuldigt? – / „meine prachtvolle Vitalität“ ist sie nicht längst °aus° am / zerfließen und nur noch künstliche Attrappe? – / Was kann ich aus diesen letzten Ruinen eines / königlichen Hauses noch herausholen – Wie könnte / ich noch immer die Planetensysteme erzittern / machen – ha, ha, ha, mein kleiner Floh – / und doch auf die Größe kommt es nicht an – aber / auf die Gesundtheit – oder wie mein armer Vincent / schrieb in seinem letzten kranken Räuschen – auf die / Hygiene – – ha, ha ha – Unfreier als je fühle ich / den unbekannten Gespenstern. – Wer wird mich befreien / immer wieder der Tod? –

X: Vermutl. Zeichen für sexuelles Erlebnis.
Vincent: Vincent van Gogh. Dessen Brief an den Bruder Theo befanden sich in Max Beckmanns Bibliothek und wurden von ihm immer wieder gelesen.

Max Beckmanns Bibliothek, Max Beckmann Archiv: Vincent van Gogh: Briefe an seinen Bruder. Zusammengestellt von J. van Gogh-Bonger. Ins Deutsche übertragen von Klein-Diepold. Zwei Bände. Berlin Paul Cassirer 1914

Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1949, New York, Columbia University, Rare Book and Manuscript Library
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://www.beckmann-tagebuecher.de/1949/2350