1. Aug 19491. August 1949

[90 Grad gedreht:] Boulder / vor d. Abfahrt / nach New York / Neuen Leiden entgegen, das ist sicher Vieleicht / aber nur neuem Stumpfinn und banaler / Mittelmäßigkeit. – Jedenfalls die schwerste / Versuchung, die ich mir doch auferlegen konnte / Aber es bleibt mir nicht’s anders übrig – Wie ich / dort meine „Eins“ amkeit und verhältnismäßiges / sauberes Hemd behalten werde ist mir schleierhaft. / Muß aber gehen – die große Linie des / aktuellen Leidens hinter mir seit Herbst 32 – / das sind 17 Jahre her – o Gott – Längst ist / meine Zeit abgelaufen und wird nur künstlich / verlängert. – Draußen zirpen müde die Heimchen / den Sommer aus. Schön ist das einschläfernde horn- / artige kratzende oder schabende Geräusch. Könnte man / immer schlafen? Der Tanz der Götter so weite meine / Seele: <Bin ich noch immer allein!?>

Linie des aktuellen Leidens ... seit Herbst 32: Im Herbst 1932 war sich Max Beckmann darüber im Klaren, dass er sein bisheriges Leben aufgrund des erstarkenden Nationalsozialismus würde umstellen müssen. Er lebte bis dahin im Wechsel zwischen Frankfurt a. M., wo er Atelier und einen Lehrposten an der Städelschule hatte, und in Paris. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30.01.1933 plante Max Beckmann seine Übersiedlung nach Berlin und nahm dort ab Juni eine Wohnung.

Besitzer: Max Beckmann, Tagebuch 1949, New York, Columbia University, Rare Book and Manuscript Library
Zitierhinweis: Max Beckmann Tagebücher, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv
Permalink: https://www.beckmann-tagebuecher.de/1949/2414