Über die digitale Gesamtedition
Die Originalmanuskripte von Max Beckmanns Tagebüchern der Jahre 1903/04, 1908/09, 1912/13 sowie seine Aufzeichnungen vom 1. September 1940 bis 31. Dezember 1941 befinden sich seit 2016 als Teil der Schenkung der Nachlässe Max Beckmanns und seiner Nachfahr:innen im Besitz der Bayerischen Staatgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv. Die Originalmanuskripte der Tagebücher von 1942 bis 1950 gelangten aus dem Nachlass der Witwe Mathilde Q. Beckmann in die Rare Book and Manuscript Library an der Columbia University, New York.
Bisherige Editionen
In den Jahren zwischen 1955 und 1987 erschienen in mehreren Auflagen drei Druckeditionen der Tagebücher Max Beckmanns:
Max Beckmann. Frühe Tagebücher 1903/04 und 1912/13. Mit Erinnerungen von Minna Beckmann-Tube. Herausgegeben und kommentiert von Doris Schmidt. München/Zürich 1985
Max Beckmann. Leben in Berlin. Tagebuch 1908–1909. Kommentiert und herausgegeben von Hans Kinkel. München/Zürich 1966 [2. Auflage 1983]
Max Beckmann. Tagebücher 1940–1950. Zusammengestellt von Mathilde Q. Beckmann. Herausgegeben von Erhard Göpel. München 1955 [gekürzte Ausgabe Frankfurt am Main 1965, erweiterte und neu durchgesehene Ausgabe München/Wien 1979, Nachdruck der erweiterten und neu durchgesehenen Ausgabe München/Zürich 1984, 2. Auflage 1987]
Die genannten Ausgaben erfüllen nicht die wissenschaftlichen Standards einer textkritischen Quellenedition. In der Edition „Max Beckmann. Tagebücher 1940–1950“ wird lediglich eine Auswahl der Einträge Max Beckmanns wiedergegeben, die von Mathilde Q. Beckmann getroffen wurde. Gründe für ihre reduzierte Zusammenstellung der Tagebucheinträge waren Diskretion, der Schutz noch lebender Zeitgenoss:innen, politische Aspekte oder die Rücksicht auf den Umfang des Buches. Über die Editionsprinzipien wurde keine Rechenschaft abgelegt, der Originaltext der Handschrift durch erhebliche Eingriffe zu einer Leseversion geglättet. Die Transkriptionen enthalten nicht selten Fehler, die Kommentierungen sowie die Personenregister sind aus heutiger Sicht unzureichend und lückenhaft. Die Ausgabe erschien ohne Werk- oder Sachregister; die Kommentare beschränkten sich auf persönliche Anmerkungen von Mathilde Q. Beckmann. Schon 1964, neun Jahre nach der Veröffentlichung, wies der Herausgeber Erhard Göpel, der lediglich Zugang zur Tagebuch-Abschrift der Witwe hatte, auf die Unzulänglichkeit der Edition und damit auf die Notwendigkeit einer Neubearbeitung hin (Erhard Göpel im Nachwort, abgedruckt in der erweiterten und durchgesehenen Ausgabe: Max Beckmann. Tagebücher 1940–1950. München 1984, S. 420). Wie wir heute wissen, hatte Mathilde Q. Beckmann aus den oben genannten Gründen bei der Vorbereitung der Edition von 1955 rund ein Drittel der Notizen des Malers, insgesamt etwa 830 Tageseinträge, gestrichen oder erheblich gekürzt sowie überarbeitend in den Text eingegriffen. Die letzte Druckausgabe erschien 1987, in den Jahren 1993 bis 1996 wurde zudem die dreibändige Ausgabe „Max Beckmann Briefe“ von Klaus Gallwitz, Uwe M. Schneede und Stephan von Wiese unter Mitarbeit von Barbara Golz herausgegeben. Für die Arbeit an der aktuellen Gesamtedition der Tagebücher wurde neues, unpubliziertes Material aus Privatbesitz zur Verfügung gestellt, das äußerst hilfreich für die Erschließung war. Dazu zählen die Agenden und Tagebücher von Mathilde Q. Beckmann, die Tagebücher von Beckmanns Weggefährten Herbert Fiedler oder die Tagebücher von Mathilde Q. Beckmanns Schwester Hedda Schoonderbeek. 2016 schenkte Max Beckmanns Enkelin Mayen Beckmann darüber hinaus bedeutende Archivalien aus den Nachlässen von Max und Mathilde Q. Beckmann, Minna Beckmann-Tube, der ersten Frau Max Beckmanns, sowie Peter und Maja Beckmann, dem Sohn und der Schwiegertochter des Künstlers an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Darunter finden sich beispielsweise das Kassenbuch und das Adressbuch Mathilde Q. Beckmanns, zahlreiche Briefe und Fotografien. In der digitalen Edition der Tagebücher können daher nun erstmals vielfältige Querverweise hergestellt werden, die neue Erkenntnisse über Leben und Werk des Künstlers zulassen. Neben der Briefedition boten überdies die in den letzten Jahrzehnten publizierten Gesamtverzeichnisse der Werke Max Beckmanns eine unentbehrliche Grundlage. Nicht nur stehen jetzt die Werkverzeichnisse der Druckgrafik sowie der Skizzenbücher zur Verfügung, auch die Werkverzeichnisse der farbigen Arbeiten auf Papier und der Gemälde sind seit 2025 auf der gemeinsamen Plattform max-beckmann.org abrufbar. Das Werkverzeichnis der Zeichnungen war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der digitalen Gesamtedition der Tagebücher noch nicht erschienen, die Zeichnungen werden zunächst mit einem Platzhalter (MB-Z 000) angegeben, die finalen Werkverzeichnisnummern nach Erscheinen eingepflegt.
Editionsrichtlinien
Transkription
Die Transkription ist diplomatisch erfolgt. Die Zeilenumbrüche sind mit „/“ gekennzeichnet, Seitenumbrüche mit „//“, unleserliche Stellen mit „[...]“, bei unleserlichen Wortteilen wird ohne Leerzeichen direkt „[...]“ angefügt, und nicht zweifelsfrei entzifferte Stellen sind durch „[?]“ markiert.
Einfügungen sowie Durchstreichungen, Unterstreichungen, Überschreibungen, Unkenntlichmachung von Wörtern sind in der Edition mit folgenden Zeichen wiedergegeben: ~Einfügungen~, °Durchstreichung oder Überschreibung°, °°mehrfache Durchstreichung°°,
Kommentar
Die in den Tagebüchern erwähnten Personen werden, wenn sie identifiziert werden konnten, im Kommentar immer mit vollständigem Namen genannt. Ruf- oder Spitznamen sind in Anführungsstrichen eingefügt (z. B. Euretta „Rettles“ Rathbone). Die detaillierten Angaben zur Person finden sich im Personenregister. Falls ein Eintrag in der Gemeinsamen Normdatei (GND) vorliegt, ist dieser verlinkt. Personen, die von Beckmann oft nur mit einem Vor- oder Nachnamen sowie einem Spitznamen vermerkt sind und bislang nicht ermittelt werden konnten, werden mit # im Personenverzeichnis aufgelistet und folgen der alphabetischen Sortierung (Borg#, Anni#, E.#). Bei variierenden Namensnennungen einer Person wurde die ausführlichste Version der Namensnennung gewählt. Orte sind in den meisten Fällen in ihrer üblichen deutschen Schreibweise im Ortsregisterfeld angegeben (z. B. Rom). Im Ortsregister lauten die Nennungen der Länder z. B. Niederlande oder Großbritannien statt der umgangssprachlich auch von Beckmann genutzten Bezeichnung Holland oder England; bei den Ländern Tschechoslowakei und Jugoslawien wurden die historischen Namen beibehalten, da sich nicht lediglich der Name bzw. die gängige Bezeichnung geändert hat, sondern später mehrere neue Staaten gegründet wurden. Bei US-amerikanischen Städten erfolgt nur dann die ergänzende Erwähnung des Bundesstaates, wenn der Ort klein und möglicherweise unbekannt ist (z. B. Nederland in Colorado, Mexico in Missouri) oder mehrere Orte mit diesem Namen existieren. Bei Namensänderungen von Institutionen werden die zu Beckmanns Zeit geläufige Bezeichnung sowie der aktuelle Name aufgeführt (z. B. Frankfurt a. M., Städelsches Kunstinstitut / Städel Museum). Werke Max Beckmanns, die er in seinen Tagebucheinträgen notierte, sind, wenn möglich, identifiziert und mit dem Hinweis auf das entsprechende Werkverzeichnis versehen. Die Siglen der Werkverzeichnisse lauten: MB-A/P (Farbige Arbeiten auf Papier), MB-D (Druckgrafik), MB-G (Gemälde), MB-P (Plastik), MB-SKB (Skizzenbücher) und MB-Z (Zeichnungen).
Werkverzeichnisse
WVZ Gemälde (MB-G):
Max Beckmann. Catalogue Raisonné der Gemälde. Herausgegeben von der Kaldewei Kulturstiftung. Auf Grundlage des Werkverzeichnisses von Barbara und Erhard Göpel. Konzipiert, bearbeitet und ergänzt von Anja Tiedemann
https://max-beckmann.org/gemaelde
WVZ Zeichnungen (MB-Z):
Werkverzeichnis der Zeichnungen Max Beckmanns. Herausgegeben von Hedda Finke und Stephan von Wiese (in Vorbereitung)
WVZ Aquarelle (MB-A/P):
Max Beckmann. Catalogue Raisonné der Aquarelle und Pastelle. Herausgegeben von der Kaldewei Kulturstiftung. Auf Grundlage des 2006 erschienenen Werkverzeichnisses „Max Beckmann. Die Aquarelle und Pastelle“ von Mayen Beckmann, Siegfried Gohr und Max Hollein. Aktualisiert und ergänzt von Mayen Beckmann, Jana Diermann und Siegfried Gohr
https://max-beckmann.org/aquarelle-pastelle
WVZ Druckgrafik (MB-D):
James Hofmaier: Max Beckmann. Catalogue raisonné of his Prints. 2 Bände. Bern 1990
WVZ Plastik (MB-SKB):
Christiane Zeiller: Max Beckmann. Die Skizzenbücher. Ein kritischer Katalog. Herausgegeben von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und den Freunden des Max Beckmann Archivs e. V. 2 Bände. Ostfildern 2010
Was leistet die digitale Gesamtedition?
Die digitale Edition der Tagebücher bietet 75 Jahre nach Beckmanns Tod erstmals ein verlässliches und authentisches Gesamtbild seiner Aufzeichnungen. Sie erschließt damit auf fundierte Weise Quellen zur Person des Malers, seiner Kunst und der ihn prägenden Zeitgeschichte. Sie ermöglicht eine Präzisierung im Hinblick auf die Schaffensprozesse des Malers. In bislang nicht bekanntem Umfang kommentierte Beckmann politische und gesellschaftliche Ereignisse, deren Erfassung in der Edition das Arbeits- und Lebensumfeld des Künstlers im Kontext des Zeitgeschehens erhellt. Darüber hinaus verzeichnete Max Beckmann Treffen mit einer deutlich größeren Anzahl von Personen, als bislang bekannt war. Die meisten der erwähnten Personen konnten identifiziert werden, wodurch sich ein differenziertes Bild der Netzwerke des Malers ergibt. Beckmanns Notizen erlauben Aufschluss über seine vielfältige Lektüre und zahlreichen Kinobesuche; es gelang, die meisten der von ihm rezipierten Bücher und Filme zu ermitteln. Die in der digitalen Gesamtedition erfassten Aufzeichnungen von Bildverkäufen bieten neue Einblicke in die finanziellen Verhältnisse des Malers, den Kunsthandel und die Provenienz von Werken. Die vielen in den Tagebüchern enthaltenen Bildzeichen und Zeichnungen sind nun erstmals in der digitalen Ausgabe zu sehen. Bei mehreren bisher unbekannten Miniaturporträts konnten die Dargestellten identifiziert worden. Die Suchfunktion und Register der digitalen Edition ermöglichen, Werke u. a. über ihre aktuelle Werkverzeichnisnummer zu recherchieren sowie nach Personen, Orten und Schlagwörtern facettiert zu suchen. Das Schlagwortregister erlaubt eine vertiefte inhaltliche Suche nach Begriffen wie Verkauf, Finanzen, Kino, Korrespondenz und Lektüre. Die unzähligen Lokale, die Beckmann aufsuchte, sind unter dem Schlagwort „Bar Café Lokal Restaurant“ auffindbar, seine Bemerkungen zum Zeitgeschehen unter „Historisches Ereignis“ bzw. „Zweiter Weltkrieg“. Max Beckmann benutzte während der Arbeit an Gemälden bisweilen Bildtitel, die später nicht mehr verwendet wurden und die nun erstmalig den bekannten Werken zugeordnet werden konnten, z. B. „Paradieschen“ für „Waldgracht mit Segeln“, MB-G 638; „Alte Dame im Gewächshaus“, „Alte Frau im Hermelin“ und „Excellenzen“ für „Alte Dame mit Tochter“, MB-G 730; „Rappsportrait“ bzw. „Tigerköpfchen“ für „Maskerade“, MB-G 765. Für Personen gebrauchte Max Beckmann häufig Codes, Bildzeichen, Abkürzungen oder Spitznamen, die seinen Sprachwitz und seine Neigung zum Wortspiel zum Ausdruck bringen und die in der Edition erschlossen werden. So nennt er Pablo Picasso „Incasso“, Jacques Lipchitz „Lippenstift“ oder Juan Gris „Grispudding“.
Dank
Wir danken allen Mitwirkenden an der digitalen Gesamtedition von Max Beckmanns Tagebüchern. Eine namentliche Nennung ist aus datenschutzrechtlichen Gründen an dieser Stelle leider nicht möglich.
Disclaimer
Zum Launch der Tagebücher waren noch nicht alle Texte der Online-Edition vollständig lektoriert. Dies betrifft Teile des Jahres 1949, das Jahr 1950 sowie die frühen Tagebücher der Jahre 1903/04, 1908/09, 1912/13. Bis Anfang 2026 werden diese sukzessive durch die lektorierten Texte ersetzt.